1231 - 1525
Mattis u. Anna
Gegen Olgierd
Sieben Prussen
Tannenberg


Ein Prußisches Märchen von Heinz Georg Podehl

Astounjolikts delliks‘
die achtzehnte Geschichte

 
Mattis und Anna
 

     Es war um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts, da regierte das Land Preußen von Königsberg aus ein Ordensoberer, der soll Ludwik von Lugenhausen geheißen haben, oder jedenfalls so ähnlich.

     Bei seinen eigenen Leuten und den Konventen war er nicht besonders beliebt und bei der prußischen Bevölkerung schon gar nicht. Im Lande garte es unter den Deutschen an allen Enden gegen die eigenen Ordensritter. Zu dieser Zeit lebten Prußen und Deutsche noch streng getrennt voneinander.

     In dem prußischen Dorf Bulitt, unweit von Königsberg, lebte damals bei seinem Vater, einem armen Waldbauer, ein junger Pruße mit Namen Mattis Marguhn. Der machte sich große Sorgen um Anna, die Tochter des Girlack, die ihm als mergu zugesprochen war. Vor zwei Jahren war sie im Alter von fünfzehn Jahren, zusammen mit anderen Mädchen, aus ihrem Dorf im Norden Samlands geholt worden, um in der Ordensburg zu Königsberg Dienst zu tun, und seitdem hatte Mattis nichts mehr von ihr gehört.

   Es war die Zeit des Spätherbstes, und es dunkelte schon früh, und Mattis wollte nicht länger warten. Er mußte unbedingt nach Konigsberg, um seine Anna zu suchen. Der Vater hatte seinen Sohn Mattis gewarnt und daran erinnert, daß es den Prußen verboten ist, eine Stadt zu betreten, und gar noch Königsberg; das könnte Mattis das Leben kosten.. Doch dieser konnte nicht länger warten. Seine Gedanken kreisten Tag
und Nacht nur um seine mijlai Anna, um seine liebe Anna.

   Also machte er sich auf den Weg. Um Mitternacht erreichte er Königsberg und schlich durch das Dunkel die hohen und festen Stadtmauern entlang, fand jedoch keine Möglichkeit, in die Stadt zu gelangen. Verzweifelt, mit Tränen des Zorns und der Enttäuschung in den Augen, gab er endlich auf und suchte im nahen Gestrüpp einen verborgenen Platz für den Rest der Nacht zum Schlafen.

   Aber schon vor dem Morgengrauen war er wieder, vor Kälte zitternd, auf den Beinen und wollte in Sichtnähe eines der Stadttore irgendeine günstige Gelegenheit abwarten. Er stand versteckt hinter Bäumen. Noch wußte er nicht, wie er in die Stadt gelangen könnte, aber der gute Gott Potrimpos würde schon helfen. Ich habe nun zwei Jahre warten müssen, dachte Mattis, da macht das bißchen Wartezeit jetzt nicht mehr viel aus.

   Sicher, man hatte ihn und alle anderen getauft, ebenso wie Anna und deren Familie, die im Sudauischen Winkel des Samlands lebte. Doch im geheimen glaubten sie noch immer an ihre alten Götter und deren Kräfte.

   Um die sechste Morgenstunde, er hatte sein mitgebrachtes Brot längst verzehrt, näherte sich eine Wagenkolonne dem Tor. Die Räder knarrten im Sand, die schwerbeladenen Wagen ächzten, Und die Kutscher, Knechte und Reiter hielten nach der langen Nachtfahrt nur noch mit Mühe ihre Augen offen. Die wenigen Kühe, die an den letzten drei Wagen angebunden hinterhertrotteten, muhten manchmal, weil sie gemolken werden wollten.

   Mattis ließ die Kolonne an seinem Versteck vorbeifahren. Und beim letzten Wagen, welch ein Glück, dachte Mattis, das war doch Ludeke! Ludeke, ja — der Nachbarssohn, der auch schon seit längerer Zeit in Königsberg für die Ritter arbeiten mußte.

   Schnell lief Mattis hinter der Kolonne her, an die Rückseite des Wagens, und gab sich Ludeke zu erkennen. ,,Ich muß unbedingt in die Stadt! Du mußt mir helfen, bitte!“ ,,Das ist unmöglich, was denkst du!“ erwiderte Ludeke leise. ,,Wie stellst du dir das vor? Ich riskiere Kopf und Kragen!“ Doch Mattis ließ keine Ruhe, und das Tor kam immer näher. Dann endlich gestand er den wahren Grund und erzählte ihm von seiner Anna, und endlich sagte Ludeke: ,,Hier, schnell, nimm meinen Rock! Es ist das Wams eines Wagenknechts. So erkennt dich vielleicht niemand, und wir haben die gleiche Statur. Ich habe noch eine Joppe darunter. Und von deiner Anna weiß ich nichts.“

   Inzwischen waren die bewaffneten Reiter schon zur Wagenspitze geritten. Und schnell, es war höchste Zeit, zog Mattis den Rock an und begann, die Kuh am letzten Gefährt vorwärts zu zerren. Ludeke war zu dem Kutscher auf den Bock geklettert, dem er sagte, daß die Kuh wohlauf sei, aber endlich gemolken werden müßte.

   Am Tor wurde schon gezählt, und es gab eine kleine Stokkung. Man hörte das laute Rufen der Wächter.  ,,Los, los, macht voran ihr Torwarter! Wir sind gar viel müde von der Wegereise“ , rief der Hauptmann der Reiter. ,,Wir wollen ons wärme unde stärke, ouch darnach endlich schlafe! Darumme also haltet die Mannschaft nicht mit Bosheit unde dergleichen Zählen uff!"

   Danach setzte sich die Wagenkolonne wieder in Bewegung, und so gelangte Mattis unbemerkt von den Wachen in die Altstadt. Hier warf er das geliehene Wams auf Ludekes Wagen, dessen verschiedene Güter mit einem groben Netz bedeckt waren. Dann winkte er Ludeke — den er niemals mehr wieder traf —noch heimlich zu und machte sich auf den Weg zur Ordensburg.

   In einer der engen Gassen platschte ihm plötzlich etwas vor die Füße, was nicht eben gut roch. Mit einem Sprung konnte er sich gerade noch retten. Er schaute nach oben und sah eine Frau mit einem Topf in der Hand am Fenster verschwinden. Ach du lieber Perkunos, dachte Mattis, was pflegen die Deutschen in dieser Stadt für üble Sitten. Dann lächelte er, denn mit der Kontrolle am Stadttor war das größte Hindernis überwunden, in die Burg zu gelangen, war dagegen einfach. Doch wo sollte er seine liebe Anna suchen?

     Im Burghof fragte er einige Mägde, die er prußisch hatte sprechen hören, nach Anna. Aber sie kannten sie nicht. Ein Prußenjunge jedoch, der eine Dienerjacke trug, konnte Auskunft geben:

,,Ja, die Girlack kenne ich wohl. Sie trägt eine große, rote Glasperle an einem dünnen Lederriemchen um den Hals, genau wie du! Sie ist das schönste Mädchen im Schloß und muß dem Lugenhausen das Schlafgemach in Ordnung halten. «

   Mattis war über diese Auskunft erfreut und bedankte sich sehr.

   Nun durchstreifte er die vielen Gänge und Flure des Schlosses. Er war von dem Gebäude sehr beeindruckt, denn noch nie hatte er vorher ein so großes Haus gesehen. Aber er ließ sich durch diese Gedanken nicht von seinem Vorhaben abbringen. Er suchte weiter, schaute auch verstohlen in dieses und jenes Gemach, immer auf der Hut vor unliebsamen Begegnungen. Einmal schlurfte ein alter Mönch mit gesenktem Kopf an seinem Versteck vorbei, stummes Dienervolk war geschäftig unterwegs, ein paar Reisige polterten die Treppe hinauf. Doch obwohl er treppauf und treppab suchte, er konnte Anna nicht finden.

     Als er vom langen Suchen schon ganz erschöpft und verzweifelt war und nicht mehr genügend Obacht gab, lief er an einer Ecke unversehens auf zwei schwertertragende Ritter auf. Sie sprachen ihn an, wollten wissen, was er hier in der Burg zu suchen habe, da er seiner Kleidung nach nicht hierher gehöre. Und da er nicht antwortete, weil er ja kein Deutsch verstand, nahmen sie ihn fest. Und als man festgestellt hatte, daß der fremde Junge tatsächlich nicht zum Schloß gehöre und sicherlich auch nicht in die Stadt, wurde er dem Schloßhauptmann übergeben. Der ließ ihn erst einmal kurzerhand an einer Mauer im Innenhof des Schlosses an ein eben freigewordenes Halseisen anschließen. Dort sollte er einige Tage darben. Dann würde man weitersehen.

     Da stand nun der achtzehnjährige Mattis mit drei anderen Sündern neben sich. Die Ketten an Händen und Füßen waren nicht das Ärgste. Nur das Halseisen ließ ihm keinerlei Bewegungsfreiheit. Schweigend und verlassen standen die vier Angeketteten an der Hauswand, qualvoll verrannen die Stunden.

     Es war inzwischen Mittag geworden, und Mattis verspürte Durst und Hunger. Doch niemand kümmerte sich um sie. Nur manchmal warfen vorübergehende Knechte scheue Blicke nach ihnen. Allein die Sonne meinte es gut mit Mattis. Sie erwärmte etwas seinen halb erstarrten Körper, der mit einem grob gewebten, graugrünen Hemd bekleidet war. Die kurzen Armel und der Kragen des über der Brust offenstehenden Kittels waren mit roten und blauen Fäden durchwirkt, die ein eigenartiges Muster bildeten. Auf seiner Brust leuchtete in der Sonne die rote Perle.

     Und so sah ihn Anna. Sie hatte oben an einem Fenster gestanden und für eine Weile das Kommen und Gehen der Reiter oder Boten beobachtet, die fast nur noch schlechte Nachrichten brachten. Kommandos und Rufe erschallten; ja, da hatte sich in letzter Zeit im Schloß viel geändert: Überall war Aufbruch, Ankommen und Unruhe, so wie im ganzen Land. Nur die Hühner scharrten im Hof gleichmütig wie immer nach Körnern. Unten an der Mauer standen wie üblich einige Missetäter angekettet, arme Burschen. Da, was war das! Bei einem von ihnen blitzte es da nicht auf der Brust wie ein rotes Licht auf? .

     Anna stürzte die Treppe hinunter in den Burghof. Ja, er war es: ihr Mattis. ,,Mattis, mein lieber Mattis«, rief sie, ,,was tust du hier an Eisen und Kette?«

   Dann besann sie sich, weil Mattis ja kein Deutsch verstand, und wiederholte in Prußisch: ,,Mais mijls Mattis, kas seggesei schai preigelso bhe ratinsis?“ Sie streichelte sein Gesicht, küßte ihn immer wieder auf den Mund, und noch ehe Mattis antworten konnte, war sie wieder verschwunden. Doch bald kehrte sie zurück mit einem Krug Wasser und einem Stück Brot. Während des Essens und Trinkens berichtete Mattis sein Abenteuer. Einer der Mitangeketteten meinte, es würde kein gutes Ende nehmen mit den beiden; denn immer wieder küßte Anna ihren Mattis, bis einer der Wächter erschien, sie mit barschen Worten vertrieb und dem Mattis Marguhn einen Tritt in den Leib versetzte. ,,Peisda!“ stöhnte Mattis, dann  wurde er ohnmächtig

   Als er wieder zu sich gekommen war, stand Anna oben am Fenster und winkte ihm tröstend zu.Am späten Abend, Anna hatte eben das Bett ihres Herrn hergerichtet und mit heißen Steinen vorgewärmt, trat der Ordens-oberer Ludwik durch die Tür und sprach ungehalten: ,,Wie ich höre, hast du heute einem am Halseisen Brot und Wasser gebracht. Du weißt, daß es verboten ist?“  Anna begann zu weinen. ,,Hoher Herr, es ist Mattis, mein Mattis!“

,,Na gut“, sagte Ludwik ärgerlich, ,,dein Mattis also . . . Ich will in diesem Fall die Sache überdenken. Geh jetzt, ich habe Schwierigkeiten genug.

   Am Morgen wurde Mattis Marguhn, der ebenso wie seine Mitgefangenen die Nacht über furchtbar gefroren hatte und noch steif an allen Gliedern war, dem Schloßhauptmann vorgeführt und auf Befehl des Ordensoberen, aber ohne jede Erklärung zum Burgknecht gemacht. Das war schlimm oder auch nicht, denn so konnten die Liebenden öfter zusammensein.

   Jeden Tag berieten sich nun die beiden, machten Pläne, wie sie zusammen fliehen könnten, und besorgten sich nach und nach Männerkleidung für Anna, die sie in einem Versteck bereitlegten. So vergingen die Tage in Sorgen und auch Ängsten um ihr ferneres Schicksal.

   Inzwischen war der Winter gekommen und wieder gegangen, und mitten in einer Frühlingsnacht schreckte ein Alarmbefehl die Burgbesatzung hoch. Niemand von den Knechten wußte genau zu sagen, was eigentlich die Ursache des Alarms sei und wohin die Reise gehen würde. Denn viele Ritter, Reisige und Kriegs-knechte mußten sich für den Abmarsch bereitmachen, auch Mattis, der neue Pferdeknecht. Das war die ersehnte Gelegenheit. Anna zog die Männerkleidung an und mischte sich in dem Durcheinander unter die Knechte. Dann stahl sie sich im Schutze der Dunkelheit zu Mattis und seinen Packpferden. Als dann der Abmarschbefehl ertönte und der Zug der Berittenen sich in Bewegung gesetzt hatte, verloren sich auch ihre anfänglichen Ängste.

   Draußen, im Nachtdunkel, hielten sie sich im Troß am Schluß der Reiterei, und bei der ersten besten Wegbiegung in einem Wäldchen blieben sie weiter zurück und konnten so unbehelligt entkommen.

     In den nächsten Tagen gelang es ihnen, sich ins nördliche Samland zu Annas Eltern durchzuschlagen‘ die dort einen kleinen Hof innerhalb einer prußischen Dorfgemeinschaft besaßen. Dort statteten sie sich für eine lange Reise aus. Sie führte sie in das Dorf Bulitt, wo sie von Mattis‘ Vater Abschied nahmen, und dann weiter, durch Nadrauen, nach der östlichen Grenze Sudauens in die Wildnis, zu den Nachkommen der Sippe des Scurdo.

     Dort endlich konnte Mattis in Freiheit mit seiner Anna Hochzeit feiern. Leise erklang durch die stille Waldsiedlung das Hochzeitslied: 

Und die Abglopte aus weißem Gewebe
setze aufs Haar mit Kamille und Mohn,
und gelben Honig ins Lippenrot gebe:
süß klingen Worte der Liebe zum Lohn . .
 

zurück zur Übersicht

[Ostpreußen] [Geschichtliches] [Kreis Lyck] [Stadt Lyck] [Melodien] [Sonstiges]