1231 - 1525
Mattis u. Anna
Gegen Olgierd
Sieben Prussen
Tannenberg

Tannenberg und die Folgen

       Der Orden stand in den Jahren nach Rudau unter der Regierung des großen Winrich von Kniprode (1351 bis 1382) auf der Höhe seiner Macht und seines Ansehens. Dennoch mußte er schon vier Jahrzehnte später bei Tannenberg eine Niederlage hinnehmen, die ihn an den Rand des Abgrundes führte und seiner Großmachtstellung beraubte. Wie konnte es in relativ kurzer Zeit zu solchem Niedergang eines Staatswesens kommen, das in der damaligen abendländischen Welt seinesgleichen suchte? Viel ist darüber gemutmaßt und geschrieben worden, und so mancher Kritiker hat die Ursache in der Entwicklung des Ordens und in seiner Innenpolitik gesucht.

     Das ist zweifellos zu einem Teil richtig, In den mehr als eineinhalb Jahrhunderten, die seit der Gründung des Ordensstaates vergangen waren, hatten sich die Verhältnisse grundlegend gewandelt. Die Nachkommen der Siedler aus allen deutschen Ländern, die im Gefolge der Ritter mit dem weißen Mantel ins Land gekommen waren und es urbar gemacht hatten, waren inzwischen — wohl auch mit zumindest einem Teil der eingesessenen Preußen — zu einem Volk zusammengewachsen. Wenn man auch für das 14. und 15. Jahrhundert noch nicht von einem Nationalbewußtsein sprechen kann, so verbanden die Menschen im Land zwischen Weichsel und Memel doch ein starkes Gefühl der Zusammengehörigkeit und der Stolz auf die eigene Leistung. Neben diesem gewachsenen Selbstbewußtsein begann sich allmählich ein Mißbehagen gegen die Ordensherrschaft breitzumachen.

     Aufgrund seiner Organisationsform war der Orden ja kein fester Bestandteil dieses jungen Volkes, sondern eine im Grunde landfremde, dünne Oberschicht. Sie wurde nicht aus den besten Kräften des Landes angereichert, sondern sie erhielt ihren Nachwuchs aus dem fernen Deutschland — junge Angehörige des Adels, die es zu versorgen galt und in denen wohl vielfach auch das Missionsbewußtsein früherer Ordensgenerationen erloschen war. Viele von ihnen waren gewiß voll guten Willens, brauchten aber lange Zeit, um sich mit den Verhältnissen des Landes vertraut zu machen. Das hatte eine gewisse Erstarrung des Ordensregimes, ein Festhalten am überkommenen Schema zur Folge. Einen solchen Zustand vermochten auch überragende Persönlichkeiten wie Winrich von Kniprode oder Konrad von Jungingen nicht zu überwinden. Sie konnten ihn nur verdecken und den zu erwartenden Umbruch hinauszögern.

     Auch die erstarkten preußischen Hansestädte blickten argwöhnisch auf den Orden, der wie sie selbst starke wirtschaftliche Interessen besaß. Auf dem Huldigungslandtag von 1391 für Kniprodes zweiten Nachfolger, Konrad von Wallenrode, wurde zum erstenmal offen über die ,,Gebrechen des Ordens« Klage geführt, wobei auch Übergriffe der beiden Großschäffer (nach heutigen Begriffen die Wirtschaftsminister des Ordens) zur Sprache kamen. Aus ähnlichen Gründen des Mißbehagens war im Kulmerland der Eidechsenbund entstanden, eine anfangs harmlos erscheinende Rittergesellschaft‘ wie es ihrer viele in deutschen Landen gab. Sie sollte jedoch bald von sich reden machen.

       All das hat aber nicht allein den Ausschlag gegeben für den Niedergang des Ordensstaates. Es spielte dabei vielmehr auch eine Reihe außenpolitischer Faktoren eine Rolle.

     Bei seiner Gründung hatte der Ordensstaat unter dem Schutz der beiden Weltmächte jener Zeit gestanden, des Kaisers und des Papstes, denen die angrenzenden Länder keine vergleichbare Macht entgegenzusetzen hatten. Mittlerweile aber hatte das Kaisertum seine Machtposition verloren und war zum Spielzeug der verschiedenen deutschen Teilfürsten geworden. Auch das Papsttum war infolge zunehmender innerkirchlicher Opposition und des Schismas zu politischer Bedeutungslosigkeit herabgesunken. Ebenso hatten die böhmischen Könige, vor wenigen Jahrzehnten noch die wichtigsten Bundesgenossen des Ordens, infolge innenpolitischer und familiärer Zwistigkeiten an Macht verloren und waren nur noch begrenzt als Verbündete zu werten.

     Demgegenüber waren Polen und Litauen zu bedeutenden Mächten herangewachsen. In Polen war auf Kasimir den Großen 1370 sein Neffe Ludwig von Ungarn gefolgt. Er unterhielt zwar freundliche Beziehungen zum Orden, war aber andererseits gezwungen, dem polnischen Adel, dem eigentlichen Träger der Anti-Ordens-Politik, erhebliche Zugeständnisse zu machen. Infolgedessen bestätigte er auch den Frieden von Kalisch nicht. Von den beiden Töchtern Ludwigs, der 1382 starb, bestieg die ältere mit ihrem Gatten Sigismund von Luxemburg den ungarischen Thron, die jüngere, Hedwig, wurde 1384 zur Königin von Polen gekrönt. Ihre Verlobung mit Herzog Wilhelm von Osterreich war polnischen Adelskreisen nicht genehm. So wurde diese Verlobung mehr oder weniger gewaltsam aufgehoben und Hedwig veranlaßt, den Großfürsten Jagiello von Litauen zu heiraten, den Sohn Olgierds. Jagiello wurde damit König von Polen, freilich nicht umsonst: Er mußte versprechen, zum römisch-katholischen Glauben überzutreten — er war noch immer Heide —, seine litauischen und russischen Länder für ewige Zeit mit Polen zu verbinden und schließlich »die dem polnischen Reich verlorenen Länder« wiederzugewinnen.

     Jagiello hatte 1382 seinen Onkel Kynstut ermorden lassen, um sich die Alleinherrschaft in Litauen zu sichern. Bei diesem Unterfangen war er jedoch auf den erbitterten Widerstand seines Vetters Witowd gestoßen, des Sohnes des Ermordeten. Das versetzte Jagiello in eine schwierige Situation. Hinzu kam die betont ordensfreundliche Haltung der Königin Hedwig, so daß Jagiello, der nach der Taufe den Namen Wladislaw II. angenommen hatte, zunächst wenigstens äußerlich den Frieden bewahren mußte.

       Großfürst Witowd von Litauen seinerseits betrieb eine zweideutige Politik. Er fühlte sich von Polen wie vom Orden gleichermaßen bedroht und neigte sich bald dem einen, bald dem anderen zu. Auch die Abtretung Szameitens an den Orden 1404 brachte kein Ende dieser Schaukelpolitik. Wladislaw-Jagiello kam seinem Vetter dabei stets bereitwillig entgegen, benötigte er ihn doch als Bundesgenossen gegen den Orden, der den Zorn Jagiellos erregt hatte.

       Von dem erheblich verschuldeten König Sigismund, zugleich Markgraf von Brandenburg, hatte der Orden 1404 die Neumark gekauft — im Grunde gegen seine Überzeugung, aber Sigismund hatte damit gedroht, sie andernfalls an Polen zu verkaufen. Das aber hätte die Landverbindungen des Ordensstaates zum Reich ernsthaft bedroht. Wenig später hatte der Orden auch noch das Ländchen Driesen erworben, das seit 1365 polnischer Lehnshoheit unterstanden hatte. Beide Käufe trugen nicht eben zur Verbesserung der Beziehungen mit Polen bei.

       Auch im Norden sah die Lage nicht rosig aus. Der 1397 erfolgte Zusammenschluß der drei nordischen Mächte in der Union von Kalmar hatte für den Orden und die Hanse eine überaus bedrohliche Situation geschaffen.

       Die Einkreisung war vollzogen. Die Frage hieß nun nicht mehr: Krieg oder Frieden?, sondern: Wie lange läßt der Krieg sich noch hinausschieben?

       Im Ordensland war man sich der drohenden Gefahr durchaus bewußt und hatte rechtzeitig begonnen, sich darauf einzustellen. Im Norden war das 1368 besetzte Gotland aufgegeben worden, um dort den Rücken frei zu haben. Im Lande selbst wurden die Grenzfestungen ausgebaut und ihre Besatzungen verstärkt, denn die Wetterzeichen mehrten sich: In der Neumark kam es zu - von Polen unterstützten - Aufständen des Landadels, dem das straffe Ordensregiment nicht behagte. Die Komture in der Neumark meldeten ferner immer wieder verstärkte Rüstungsvorkehrungen jenseits der Grenze und bewaffnete Überfälle polnischer Adliger auf Ordensgebiet. Zudem brach 1409 auch in Szameiten ein Aufstand aus, dessen Drahtzieher offenkundig Witowd und Wladislaw-Jagiello waren. Die Wege wurden mit Verhauen und Fallgruben unpassierbar gemacht, überall sammelten sich bewaffnete Volkshaufen, die von Sendboten der beiden Fürsten aufgewiegelt waren.

       Dieser Situation sah sich der Orden gegenüber, als Hochmeister Ulrich von Jungingen 1409 einen Brief an Jagiello richtete, in dem er vom König eine verbindliche Erklärung über seine Absichten forderte, insonderheit aber über sein Verhalten für den Fall, daß es zu einem Krieg mit Witowd kommen sollte. Die Antwort Jagiellos war unmißverständlich: Ein Angriff des Ordens auf Litauen werde den Angriff Polens auf Preußen nach sich ziehen. Jungingen sah nur noch eine Möglichkeit, die des »Absagebriefes«, der Kriegserklärung. Es mag ihm so etwas wie ein Präventivschlag vorgeschwebt haben, der die Einkreisung um das Ordensland aufbrechen und die größte Gefahr beseitigen sollte, aber dazu ist Ulrich von Jungingen wohl nicht die rechte Persönlichkeit gewesen. Er besaß weder den staatsmännischen Weitblick seiner großen Vorgänger Hermann von Salza und Winrich von Kniprode, noch die diplomatische Umsicht seines Bruders Konrad, der vor ihm von 1393 bis 1407 das Meisteramt bekleidet hatte. Die Uberlieferung berichtet, Konrad von Jungingen habe vor seinem Tode zwei einflußreichen Gebietigern des Ordens das Versprechen abgenommen, dafür zu sorgen, daß sein Bruder Ulrich, der zu jener Zeit das Marschallsamt versah, nicht zu seinem Nachfolger gewählt werde. Er kannte Ulrichs Einstellung, die auf eine sofortige Entscheidung drängte, sah aber die Zeit dafür noch nicht gekommen. Ulrich von Jungingen war dennoch gewählt worden.

         Der verstorbene Generalmajor a. D. Dr. Walter Grosse, wohl der beste Kenner ostpreußischer Wehrgeschichte, charakterisierte Ulrich von Jungingen einmal so: »Der 44jährige Hochmeister war persönlich ein tapferer Soldat. Er war bei verschiedenen Kriegsreisen nach Litauen ,Kumpan‘, also gewissermaßen Stabschef des Hochmeisters von Wallenrode gewesen und hatte auch das Feldherrnamt des Ordensmarschalls jahrelang bekleidet. Trotzdem hat ihm der große strategische Blick gefehlt, und mit dem Schlieffenschen 01 des echten Feldherrentums war er nicht gesalbt. Das kühne Prävenirespiel lag ihm nicht, nur allzusehr ließ er sich das Gesetz des Handelns von Gegnern vorschreiben, die ihm an Tatkraft, Umsicht und Scharfblick stark überlegen waren.«

       So sprengten denn im Frühsommer des Jahres 1409 die Ordenskuriere mit dem Laufbrief durch das ganze Land: »Wissentlich sei allen ehrbaren Leuten, wie wir Kunde haben, daß Witowd mit einem großen Heere in das Land will sprengen heute oder morgen. Hierum bitten wir fleißlich, daß jeglicher sich bereite zuzujagen, wo man ihn befiehlt, wenn die Nachricht erfolgt.«

         Das war der Mobilmachungsbefehl für die deutschen freien Grundbesitzer, die Kriegsdienst — je nach der Größe ihres Besitzes — als schwere oder leichte Reiter zu leisten hatten, für die Schützenaufgebote der Städte und für die Bauern in den Dörfern, die Mannschaft, Gespanne und Wagen für den Troß zu stellen hatten.

     Die ersten sommerlichen Kämpfe verliefen durchaus günstig, das Land Dobrzin und Bromberg wurden erobert. Dann schaltete sich König Wenzel von Böhmen ein, dessen diplomatischer Unterstützung sich der Orden durch die Zahlung von Subventionen in Höhe von 60 000 Gulden versichert hatte. Seine Vermittlung bewirkte zunächst einen neunmonatigen Waffenstillstand, der am 8. Oktober abgeschlossen wurde. Dann fällte Wenzel am 15. Februar 1410 einen Schiedsspruch, demzufolge der Orden Szameiten behalten, das von ihm eroberte Dobrzin hingegen an Polen zurückgeben sollte.

       Diesen Spruch lehnte die polnische Delegation ab. Sie erschien auch nicht mehr zu einem zweiten Verhandlungstermin, der am 4. Juni, also wenige Wochen vor Ablauf des Waffenstillstandes, in Breslau stattfinden sollte.

       Während so vordergründig um eine diplomatische Lösung des Konflikts gerungen wurde, gab die Kampfpause beiden Seiten Gelegenheit, ihre Kräfte zu verstärken. Der Hilferuf des Ordens stieß jedoch in Deutschland weitgehend auf taube Ohren, denn man hatte gerade wieder einmal seinen Arger mit Kaiser und Papst und weder Zeit noch Lust, sich mit den Dingen zu beschäftigen, die da hinten fern im Osten vor sich gingen. Lediglich der Herzog von Oels und Prinz Kasimir, der Sohn des Herzogs von Stettin, verstärkten mit ihren Aufgeboten — das der Stettiner betrug etwa 600 Mann — das Ordensheer. Sie sollten ihm jedoch kein Glück bringen. Beide gerieten bei Tannenberg in Gefangenschaft und mußten später gegen Unsummen freigekauft werden. Schätzungen aus den dreißiger Jahren, die auf der Reichsmark basieren, sprechen umgerechnet von einem Betrag von drei Millionen Mark. Das sollte nach Kriegsende mit zu der Finanznot des Ordens beitragen.

     Auf der anderen Seite hingegen ging die Verstärkung der Streitkräfte im Schutz des Waffenstillstandes ungestört vor sich. Zu den Polen und Litauern stießen Tataren, Smolensker Russen, Hilfstruppen aus Podolien und Bessarabien, tschechische Söldner. Ihre Vereinigung erfolgte Anfang Juli bei Czerwinsk an der Weichsel, etwa 50 Kilometer nordwestlich Warschau. In den gleichen Tagen übersandten plötzlich auch die Herzöge von Masowien, die sich bisher aus der Auseinandersetzung herausgehalten hatten, dem Orden ihre Kriegserklärung. Damit verschlechterte sich das Kräfteverhältnis weiter zu dessen Ungunsten.

   Anscheinend hat damals auch der sonst so vorzügliche Nachrichtendienst des Ordens nicht in gewohnter Weise funktioniert — oder aber Jungingen schenkte den Meldungen keinen Glauben, denn -er verkannte die Lage vollkommen. Er rechnete mit einem Einbruch Witowds von Osten und mit dem Angriff Jagiellos im Kulmerland und in Pommerellen. Er legte den Bereitstellungsraum seines Heeres in die Gegend von Schwetz am Westufer der Weichsel und ließ anschließend bei Kauernick Feldschanzen aufwerfen. In Wirklichkeit zielte der polnische Vorstoß auf das Herz des Ordensstaates, die Marienburg —möglicherweise mit dem Hintergedanken, sich in den Besitz der Weichselmündung zu setzen und Polen auf diese Weise einen Zugang zum Meer zu verschaffen.

     Am 6. Juli 1410 überschritten die verbündeten Armeen die Grenze des Preußenlandes, übrigens in der gleichen Gegend, in der im August 1914 die russische Armee Samsonows nach Ostpreußen hineinstieß. Jagiellos Feldherr, Zindram von Maskowitz, Deutscher von Geburt, beachtete die Feldstellungen des Ordensheeres nicht. Er stieß an ihnen vorbei und -marschierte über Soldau auf Gilgenburg zu, während das Ordensheer nach Löbau rückte.

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