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Herzogenzeit 1525 - 1701
Weitere Neugründungen von Dörfern und Gütern
Das Jahr 1525 bedeutet einen tiefen Einschnitt in die Geschichte des Preußenlandes. In diesem Jahr endete die Herrschaft des Deutschen Ordens und mit ihm das Mittelalter in Preußen.
Der letzte Hochmeister A 1 b r e c h t von Brandenburg-Ansbach legte im Jahre 1525 den Mantel des Deutschen Ordens ab und wandelte den Ordensstaat in ein weltliches Herzogtum um.
Herzog Albrecht wurde im Vertrag von Krakau 1525 unter polnische Lehnshoheit gestellt; das Herzogtum Preußen trat damit in die Reihe der Territorialfürstentümer ein. Durch den Vertrag von Krakau vom
8. April 1525 wurde das politische Verhältnis zwischen Polen und Preußen für die folgenden 130 Jahre bis 1656 festgelegt. Die Grenze zwischen Polen und dem Herzogtum Preußen hatte bis 1772 Bestand gehabt.
Herzog Albrecht, der im September 1523 bei seiner Reise ins Deutsche Reich auch Luther besucht hatte, führte 1525 die Reformation ein. Der in Bad Mergentheim residierende Deutschmeister und einige Komture der Ordensballeien (Ordensprovinzen) in Deutschland protestierten gegen die Einführung des evangelischen Glaubens und die Umwandlung des Ordensstaates in ein weltliches Herzogtum. Der Deutschmeister übernahm die Ordensführung und wurde ,,Administrator“ des Hochmeistertums.. Einige Ordensbrüder in Preußen, die katholisch blieben, wanderten aus, die Mehrzahl der Ordensbrüder in Preußen wurde evangelisch und blieb im Lande Preußen mit Ämtern belehnt. Die Landesverfassung blieb im großen Ganzen erhalten. Die Komtureien wurden in ,,Hauptämter“ umgewandelt. Lyck und Lötzen wurden ,,Hauptämter“. In Stradaunen befand sich bereits 1508 ein Vorwerk, auf dem “Scharwerk“ abgeleistet wurde. Hier waren auch Vorratsräume; 1523 wurde eine Harnisch- und Waffenkammer eingerichtet. Als Bestand sind u. a. 10 Harnische und 1 Hakenbüchse aufgeführt. Auch in Stradaunen wurde ein ,,Hauptamt“ eingerichtet mit den Kirchspielen Jucha, Kallinowen, Stradaunen, ferner dem Ostteil des Kreises Lötzen mit den Kirchspielen Widminnen und Orlowen und mit dem Kreis Treuburg. Die Umwandlung des Ordensstaates in ein weltliches Herzogtum hatte auf die weitere Besiedlung der ,,Wildnis“ keinen Einfluß. Die Siedlungspolitik des Ordens wird von Herzog Albrecht fortgesetzt. Allerdings läßt allmählich die Masseneinwanderung aus Masowien nach; es setzt die Binnenwanderung ein.
G e b a u e r nennt Beispiele für die Binnenwanderung:
1505 Prawdzisken/Reiffenrodeaus dem Amt Lyck 1515 PrzykopkenlBirkenwalde aus dem Amt Lyck
1544 Sczeczinowen/Steinberg aus dem Amt Lyck 1544 RegelnitzeniRegeinhofaus dem Amt Lyck 1552 Kossewen/Hasenheideaus dem Amt Lyck
1553 Gollubien/Gollenaus dem Amt Lyck 1566 Malleczewen/Malletenaus dem Amt Lyck
1566 Malinowken/Großschmiedenaus dem Amt Lyck 1612 Krolowolla/Königswalde aus dem Amt Lyck 1563 Gorlowken/Gorlauaus dem Amt Stradaunen
1564 Kl.Krzywen/Grünseeaus dem Amt Stradaunen 1521 Karbowsken/Siegersfeld aus dem Amt Rhein 1523 Marken/Kalgendorfaus dem Amt Rhein
1542 Gorzekallen/Gortzenaus dem Amt Johannisburg 1550 Ogrodtken/Kalgendorfaus dem Amt Johannisburg
Weiter heißt es bei Gebauer (S.42):
,, Vermutlich sind auch die Siedler zu Sprindenau/Stooßnen (Peter, von Burzim = Borschimmen?) und Kl. Lasken (Jacob, von Laski Gr. Lasken, Oratzendorf?) Leute aus dem Lyckischen.“
Konnte es wahrscheinlich gemacht werden, daß die Siedler in den ersten Siedlungsetappen aus Masowien einwanderten, so werden jetzt
erstmals auch Siedler ausdrücklich als direkt aus Masowien stammend bezeichnet. Die Leute, die in Schwarzberge/Rydzewen (1526),
Reichenwalde/Soborowen (1531) und Dzicken (1542) ansässig werden, kommen ,,aus der Masau“; der Schulz von Waldwerder/Wiersbowen (1646) kommt mit seinen Söhnen aus Raygrod in ,,Podlachien.“
Nach der regen Kolonisation in den 80er Jahren des 15. Jahrhunderts wurden im Amt Stradaunen nur noch 3 Orte gegründet; dann nach
1493 erfolgte bis 1525 keine Verleihung von Handfesten mehr. Auch im Lötzener Randgebiet brach 1493 die Siedlungstätigkeit ab und setzte
erst 1526 im Herzogtum der Siedlungstradition des Ordens folgend fort. Bis zur Landesaufnahme 1539/40 entstanden hier 8 neue Orte und
zwar 4 Freidörfer, 3 Zinsdörfer und 1 Pflügerdorf. Im Klaussener Bereich wurden vom Amt Rhein aus insgesamt sieben Siedlungen gegründet
und zwar 3 Freigüter mit ,,Großen Freien“, 1 Freigut mit ,,Kleinen Freien“, 2 Zinsdörfer und 1 Pflügerdorf.
Im Amt Lyck herrschte ab 1485 eine Besiedlungspause von 9 Jahren; dann setzte bis 1539 eine normale und stetige Besiedlung der noch
ungerodeten Wildnis ein. Während des gesamten Zeitraumes werden im Lyckischen zusammen 66 Siedlungen verschrieben bzw. erstmalig
erwähnt und zwar 14 Freidörfer mit ,,Kleinen Freien“, 10 Freigüter bzw. Freidörfer mit ,,Großen Freien“ und 34 Pflügerdörfer/Oratzendörfer.
In der letzten Periode der Wildniskolonisation lagen die Schwerpunkte auf der endgültigen Besiedlung des Südwestens, wo vor allem
Pflügerdörfer entstanden, und im Westteil des Kreises, wo hauptsächlich Freidörfer gegründet wurden.
Damit ist um 1540 die Wildnis um Lyck-Stradaunen im Wesentlichen besiedelt. Zu dieser Zeit hatte man den Wert der Wälder erstmalig
erkannt und empfahl deren Schonung. Die ,,innere“ Kolonisation erstreckte sich vor allem auf das ,,Ubermaß“-Land und auf die Intensivierung
der Landwirtschaft in der Bewirtschaftung des Bodens. Offensichtlich wandte die Landesherrschaft ihr Interesse mehr und mehr dem Ausbau und der Entwicklung bereits besiedelter Flächen zu.
Nach 1539/40 werden bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts insgesamt nur noch 33 Siedlungen gegründet, wovon allerdings 6 in schon
bestehenden Orten und einige andere auf teilweise vorher von Pflügern, Bauern oder ,,Kleinen“ Freien kultivierten Flächen angelegt wurden (z. B. Reuschendorf und Pistken).
Wirkliches Neuland wurde nur im nördlichen Juchischen Bereich, also im Nordwesten des Kreises, im Kallinower Zipfel, im Klaussner
Gebiet und in kleineren Waldgebieten der übrigen Bereiche gewonnen. Eigentlich ist dieser Vorgang um 1600 abgeschlossen; alle folgenden Verschreibungen sind entweder Wiederholungsprivilege oder aber Zusatzverleihungen.
Nach 1540 setzte eine völlig neue Entwicklung ein. Hauptanlaß für die Einrichtung neuer Dörfer ist einmal der Bevölkerungsüberschuß, zum
andern spielten wirtschaftliche und wahrscheinlich auch politische Erwägungen eine Rolle. Neben 4 Freidörfern und 5 Freigütern, die auf unbesiedeltem Land angelegt wurden, ist die Zahl von 18 Zinsdörfern auffallend hoch.
In der Herzogszeit, vor allem in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, traten in den übrigen Wildnisgebieten, aber auch im übrigen
Preußen, Kolonisten aus dem Lyckischen als Lokatoren und Bauern/Siedler auf; ein bedeutender Teil der Bauernsöhne und Töchter fand in
den Städten und auf den Gütern der rein deutschen Gegenden des Herzogtums als Dienstboten, Knechte und Mägde ausreichende
Existenzmöglichkeiten. In den Amtsbezirken Lyck und Stradaunen kam ein Teil des eignen Bevölkerungsüberschusses in neuen Dörfern und
Ansiedlungen unter, so in den Zinsdörfern Gorlowken, Sczezinowen, Gr. Malinowken und Pietraschen.
Für die Landesherrschaft war die Gründung von ,,Zinsdörfern“ wegen der Scharwerksleistungen sehr wichtig. So wurden neben Lyck und
Neuendorf weitere Vorwerke eingerichtet, so in Stradaunen und Polommen. Nunmehr ist eine zunehmende Verschlechterung der Rechtslage
für bäuerliche Klassen zu beobachten. Die ,,Kleinen“ Freien werden allmählich auf die Stufe der Scharwerksbauern heruntergedrückt. Das 16.
und 17. Jahrhundert sind gekennzeichnet durch die weitere Rechtsaushöhlung der Privilegien der kölmischen Freien und der Bauernschaft durch
die Landesherrschaft. Dies führte unter dem Großen Kurfürsten dazu, daß die Untertanen massenweise ihren Besitz aufgaben. Während die
Untertanen vom 15. - 17. Jahrhundert nach der Rechtsqualität ihrer Besitzungen unterschieden wurden, wird dieser Unterschied im 18.
Jahrhundert überhaupt bedeutungslos. Nunmehr ist nur die Art der Verpflichtung gegenüber der Landesherrchaft maßgebend, d. h. unterste
Klasse = Scharwerksbauern mit Hand- und Spanndiensten und Naturalleistungen; gehobene Klasse = Ablösung durch Geldlasten!
Dieser Rechtsverfall wird durch den Tatbestand erhellt, daß viele ,,Freidörfer“ (also die ,,Kleinen Freien“) im Lycker und Stradauner Gebiet
aus der Mitte des 17. Jahrhunderts ein Jahrhundert später unter den Scharwerks- und Zinsdörfern rangieren z. B. Schikorren, Rydzewen,
Oratzen, Rumeyken‘ Szameiten, Zappeln u. a. Diese verminderte Bedeutung des Besitzrechts im Laufe der Zeit ist ein Symbol für die sich
zunehmend verschlechternde Lage der Bauern. Am Anfang des 18.Jahrhunderts war diese Entwicklung völlig abgeschlossen; es gab nur noch
einen einheitlichen unfreien Bauernstand. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts sind Besitzrechte verschwunden; es gibt nur noch einheitliche Lasten bzw. Abgaben gegenüber der Landesherrschaft.
Nach Abschluß der Besiedlung zu Anfang des 17. Jahrhunderts waren im Kreisgebiet insgesamt 210 Ansiedlungen entstanden und zwar 90
,,Freidörfer“ bzw. ,,Freigüter“ mit ,,Kleinen Freien“, 36 ,,Freigüter“ bzw. ,,Freidörfer“ mit ,,Großen Freien“, darunter 13 adlige Güter, 38
,,Zinsdörfer“ und 46 ,,Pflügerdörfer“. Da 15 Orte jeweils zwei Siedlungen mit unterschiedlicher Rechtsqualität (meist Pflüger und Freie, aber
auch Pflüger und Bauern) umfassen, die gemeinsam nur einen Namen führen, sind es insgesamt nur 195 Orte. So besteht z. B. Prawdzisken aus einer Pflüger- und einer Freiensiedlung.
T ö p p e n weist zu recht darauf hin, daß in Ostmasuren, besonders in den Kreisen Lyck und Treuburg, die meisten unadligen ,, Freidörfer“
gegründet worden sind, welche sich kaum in irgend einem anderen Teile Preußens in solcher Menge finden, ausgenommen die Gegend um
Hohenstein. Die meisten dieser ,,Freidörfer“ waren mit 15 Hufen zu magdeburgischem Recht verliehen; auf diesen lastete der ,,Kriegsdienst mit
Roß und Harnisch nach des Landes Gewohnheit“, ferner die Verpflichtung ,,neue Häuser zu bauen, alte zu brechen oder zu bessern“. Die
,,Freidörfer“, auch ,,Freigüter“ genannt, wurden meist mehreren Verwandten, z. B. Brüdern oder Vettern verschrieben, manchmal auch
gestattet, dieselben gegebenenfalls zu teilen. Diese ,,Freidörfer“, in denen die Wirte in größerer Anzahl beisammensaßen‘ sind für unsere
Heimat besonders charakteristisch. Den masowischen Siedlern wurde vielleicht nur deshalb der Landbesitz überwiegend zu magdeburgischem
Recht und ,,beider Kinder Rechte“ verliehen, um gegebenenfalls seitens der Landesherrschaft über diese ,,Freidörfer“ leichter verfügen zu können. Die Masovier erwarben ihren Besitz größtenteils käuflich.
Die ,,magdeburgischen Freien“ Masurens besaßen sehr oft nur 1 Hufe oder sogar noch weniger, ihre Vermögens- und
Wirtschaftsverhältnisse waren denkbar schlecht, zumal der Boden wenig ergiebig war. Daher überstiegen die Abgabenforderungen der Landesherrschaft die Leistungsfähigkeit dieser Bauern.
Mit dem Jahre 1566 ist die Besiedlung unseres Heimatkreises im wesentlichen abgeschlossen; danach sind keine Handfesten mehr ausgestellt
worden. Der Überschuß an Rodeland hatte sich allmählich erschöpft.
Der Deutsche Orden hatte, wie bereits dargestellt, verdiente Söldnerführer mit ,,Freigütern“ abgefunden. Doch auch zur Herzogszeit wurden
verdiente Männer mit ,,adl. Gütern“ belehnt. So erhielt der Lycker Erzpriester und Buchdrucker Johann Maletius ein adliges Waldgut
Regelnitzen mit 5 Hufen und 20 Morgen zu ,,Magdeburgischem Recht zu beiden Kindern“ für die Zeit seines Lebens frei von allen Lasten. Die
Erben sollten im Kriegsfalle ein starkes Wagenpferd stellen. Sein Sohn, der Lycker Erzpriester Hieronymus Maletius, bekam von Herzog
Albrecht das Freigut Malleczewen mit 7 Hf. 15 Morgen ,,Ubermaß“ zu magdeburgischem Recht zu beiden Kindern. 1559 hat der Fischmeister
von Krösten das adl. Gut Reuschendorf mit 30 Hf., weitere 15 Hufen in Pistken/Kröstenwerder und Miedzen zu ,,Lehnrecht“ erhalten.
Auffälligste Erscheinung der Besiedlung des Kreises Lyck sind die ,,Pflügerdörfer“, auch ,,Oratzen“ genannt, auf die bereits hingewiesen
wurde. Sie tauchen seit 1476 (Moldzien) auf; bis 1500 entstanden 12 ,,Oratzen“. 1539 waren es insgesamt 44 mit 436 Wirten, mit jeweils 15 Hufen = 1 ,,Pflügerdienst“ oder mit 7 1/2
Hufen= ,,Pflügerdienst“. Sie erhielten keine ,,Handfeste“ oder Verschreibung, später einige
Kaufbriefe, z. B. Ropehlen 1541 und Sentken 1565. Ihre Pflichten sind, die Vorwerksäcker zu pflügen, Heuschlag und das Einbringen des
Heus für das Vorwerk zu leisten und bei allen Bauten im Vorwerk zu helfen, eine festgelegte Menge Holz zu fahren und schließlich
Naturalabgaben abzuliefern, die Anfang des 17. Jahrhundert durch Zinszahlungen abgelöst werden. 1550 werden (so Gebauer S.49, Anlage 2) 28 Siedlungen mit 1 Pflügerdienst, 3 Siedlungen mit 2 Diensten, 1 Siedlung mit 1 /2
und 6 Siedlungen mit je 1/2 Pflügerdiensten genannt. Nach 1550 entstanden noch 3 Pflügerdörfer, nämlich Judzicken 1561, Downarren (Langsee) 1579, Niekrassen 1661; in Pissanitzen und
Gollupken werden 1673 neben Bauern auch ,,Oratzen“ genannt. Ende des 17. Jahrhundert sind noch als Oratzen mit insgesamt 40 Siedlungen
aufgeführt und letztmalig in der Amtsrechnung von 1716/17 (Ostpr.Fol.6508) als solche bezeichnet. Bereits in den Hufenschoßprotokollen
Lyck von 1715—1719 werden die ehemaligen Oratzendörfer unter ,,Königlichen Bauerndörfern“ aufgeführt, bleiben aber mit ,,Sonderstatus“
erkennbar, weil sie keine Privilegien besitzen und keine Schulzen haben. Nach Frau Moczarski (S.23) sind die ,,Oratzen“ ,,eine Art von
rechtloser Zinsdörfer“, deren Einwohner ,,wahrscheinlich ganz vermögenslose, landheischende Einwanderer, die kaum mehr als 1 Hufe Land
erhielten“, waren. Kein Bevölkerungsteil im Ordensstaat und auch im Herzogtum war rechtlos. Den Pflügern fehlte zwar das geschriebene
Recht; ihnen wurde aber mit der Formulierung ihrer Pflichten, dem Pflügerdienst, auch ihr ,,Recht“ am bewirtschafteten Boden festgelegt, d. h.
ihr ,,Pflügerdienst“ war an ein bestimmtes Bodenmaß mit 15 Hufen gebunden. Dies beweisen auch 3 Briefe aus der zweiten Hälfte des 17.
Jahrhunderts: Mylucken beschwert sich beim Kurfürsten 1678 wegen Unland, Postgeldfuhren und zu hoher Pflugpflichten; Przepiorken und
Stooßnen werden beim Amtshauptmann zu Lyck 1679 wegen zu hoher Lasten vorstellig und schließlich bitten alle ,,Unterthanen der Pflügerdörfer“ 1698 um ,,Extraordinierung und Confirmierung“ ihrer Pflichten“). Erfolglos!
Die Oratzen von Reuschendorf, die erstmals 1514 und dann 1516/17 sowie 1539 mit 17 Oratzen und 4 Gärtnern erwähnt werden, wurden
1559 dem Fischmeister von Krösten zugeteilt. Die Oratzensiedlung Ostrowen, erstmals 1539 mit 3 Wirten genannt, kam wahrscheinlich noch im 16. Jahrhundert zu Rogalla von Baitkowen und damit zum adl. Gut.
Eine andere besondere Siedlungsform war die ,,Schatullsiedlung“, wie sie im waldreichen Nachbarkreis Johannisberg im 17. Jahrhundert
aufkam. Der Mangel an staatlichem Waldgebiet erklärt das Fehlen von ,,Schatullsiedlungen“ im Kreise L y c k, also von Ortsgründungen auf
landesherrlichem Waldboden, deren Steuererträge in die Schatulle des Landesherren floßen.
Noch ein Wort zur ,,privaten Siedlungstätigkeit“, die in einigen Gebieten Preußens neben der landesherrlichen Besiedlung eine Rolle spielte.
Doch im Kreise Lyck war sie schon mangels Kapitals unbedeutend; auch die geringen Flächengröße der ,,Freigüter“ stand einer Gründung von
Zinsdörfern oder Hintersassendörfern entgegen. Der Orden erwartete von allen ,,Ehrbaren“, das sind die Belehnten aller später adlig genannter
Siedlungen und ,,Großen Freien“, daß sie ,,Leute“ auf dem ihnen verliehenen Land ansetzten. Dazu ist anzumerken, daß der Landbesitz dieser
beiden Besitzer, den ,,Ehrbaren“ und den ,,Großen Freien“, in den Bezirken der Ämter L y c k, Stradaunen und Arys/Klaussen nicht größer
war als in den dort gelegenen ,,Zinsdörfern“. Die größten Güter, Baitkowen, Borken und Kopicken hatten 40 bzw. 66 Hufen, sie waren nicht
größer als große Zinsdörfer. Die Mehrzahl der ,,Freigüter“ ohne Scharwerk mit kölmischem Recht oder mit magdeburgischem Recht bzw.
Lehnrecht (Reuschendorf oder Kl. Rosenheide) war aber wesentlich kleiner als die normalen Güter und Dörfer der Scharwerk leistenden
Freien. So erhielten Kossewen, Kokosken, Regelnitzen und Czissen nur je 5 Hufen zum Gut; grundsätzlich wurden die “Großen Freien“ in der
Herzogszeit nur mit wenigen Hufen belehnt. Hier bestand keine Möglichkeit zum Ansetzen von Siedlern. Einige ,,Freigüter“ mit 20 Hufen wie
Thalussen (1476) und Sordachen (1484) sowie Koszycken (1485) mit 23 Hufen blieben über Jahrhunderte hinweg nicht aufgesiedelt bestehen.
Im Amt L y c k entstanden nur 8 adlige Bauerndörfer. In diesen wurden vom Grundbesitzer Bauern als Schulzen, von Gebauer
,,Setzschulzen“ genannt, zur Verwaltung des Dorfes eingesetzt, ohne daß diesen die Rechte eines freien Schulzen verliehen wurden. Dazu
gehört Baitkowen; das ,,dorff Baytkowo“ wurde ,,Pauel Graboffski“ am 13. März 1493 verschrieben. Aus der ,,Vorrechnung“ des Amtes
Lyck von 1516 (O.F.176a) geht hervor, daß in ,,Großbaytko“ ein ,,Zinsdorf“ vom Grundbesitzer begründet war mit 44 Hufen, darin der
Schulze mit 4 Hufen neben 2 Krügen. 1539/40 war es ein großes Dorf mit 35 Wirten. Auch das Dorf Kopicken/Goldenau wurde vom privaten
Gutbesitzer Grajoffski gegründet, es hatte 1539/40 insgesamt 54 Wirte, darunter Grajoffski mit 20 Hufen, 15 Morgen. Leegen wurde von
Jakob Molnar als Gut geführt; 1516 wurde es erneut an Steffen Kowaloffski mit kölm. Recht ohne Scharwerk verschrieben; 1539/40 wird nur
1 Grundbesitzer genannt, doch gehören noch 29 Wirte dazu. Die weitere Entwicklung im Gebiet Lyck führte im 18. Jahrhundert zur Auflösung der Mehrzahl der adligen Bauerndörfer.
Die Bevölkerungsentwicklung im 16. Jahrhundert und bis Mitte des 17. Jahrhunderts verlief in den drei Amtsbereichen Lyck, Stradaunen
und Arys/ Klaussen in etwa gleich. Für die Zeit vor 1500 sind keine Angaben vorhanden. Für L yc k wurden Unterlagen für die Entwicklung in
Dörfern und Gütern erst mit der Landaufnahme 1539/40 erstellt. Für das Amt Stradaunen bestehen ,,Register des Gebietes L ö t z e n“ von
1507/13 und eine weitere Aufstellung wahrscheinlich aus dem Jahre 1520 (O.F.175,S.54ff,). In diesen Aufstellungen sind ,,Freidörfer“ und
,,Zinsdörfer“ nahezu lückenlos für 1507/13 und 1520 aufgeführt. Die zwischen 1520 und 1539/40 entstandenen Orte sind fortgelassen.
Zeigen die beiden Aufstellungen von 1507/13 und 1520 nur geringe Veränderungen haben sich die Wirte 20 Jahre später 1539/40 meist
verdoppelt, in einigen Fällen, so in Plotzitznen, Soffen, Kallinowen und Kowahlen sogar vervierfacht. In einigen Fällen war sie unterblieben wie
in Krzysewen, Mykolaiken und Kielen. Eine ähnliche Entwicklung ist für das Amt L yc k und für den Bezirk Klaussen anzunehmen. Die
durchschnittliche Anzahl der Wirte ist 1539/40 auch hier die gleiche, wie in Stradaunen. Man darf bei gleicher Bevölkerungsentwicklung für
1510 in den Pflügerdörfern mit jeweils 6 und in den Zins- und Freidörfern mit 8—9 Wirten rechnen. Dabei ist für das Amt Stradaunen so für
Zeysen, Stradaunen, Alt- und Neu-Jucha vermerkt, daß jeder Wirt nur 1 Hufe besaß. Im Amt Lyck sind einige Dörfer in Einzelaufstellungen
mit ,,wüsten“ Hufen, d. h. nicht besetzten Hufen 1508/09 vorhanden, so in Grabnick mit 31 ,,wüsten“ Hufen und Neuendorf mit 5 Hufen; diese
Hufen waren also schon besetzt gewesen, die Besitzer sind aber verstorben. Bei Wischniewen und Pissanitzen werden 42 bzw. 10 Hufen
,,wüst“ 1509/19 aufgeführt. Zur Zeit der Landaufnahme 1539/40 aber sind die Äcker im Amt Lyck vollbesetzt. In einigen Dörfern gab es
schon Halb- und ViertelhufenBesitzer, so in Neuendorf mit 42 Hufen und 51 Wirten, davon gehörten 6 Hufen dem Schulzen und in Lyssewen mit 45 Wirten auf 30 Hufen, davon 6 Hufen dem Schulzen und 3 Hufen für den Pfarrer.
Um 1510 waren wahrscheinlich im Amt Lyck 138 Pflüger-Wirte und 493 Freie, im Amt Stradaunen 142 Freie und im gesamten Bereich 329
Wirte in Zinsdörfern ansässig, zusammen also 11 selbständige Existenzen.
Gebauer schätzt die Bevölkerungzahl um 1510 auf 5800—5900 Personen in allen drei Amtsbereichen. In diesen Zahlen sind nicht enthalten
Müller, Krüger und Gärtner. Müller sind nur in den Ämtern Lyck und Stradaunen mit 7 und 5 aufgeführt. Krüger werden im Amt Lyck mit 109, im Amt Stradaunen mit l7 und im Kirchspiel Klaussen mit 4 genannt.
An Gärtnern wurden bei der Landaufnahme 1539/40 im Amt Lyck 82, Stradaunen 95 im Bereich Klaussen 16 gezählt. Gärtner, hier und da
auch ,,Lohngärtner“ genannt, waren Dienstleute, die in Domänen oder adligen und köllmischen Gütern wohnten und denen der ,,größte Teil des Lohnes“ in Form von Äckernahrung und Naturallieferung zugeteilt wurde.
Gehauer errechnet die Gesamtbevölkerung einschließlich Müller, Krüger und Gärtner für 1539/40 bei einer durchschnittlichen Zahl von 5
Personen je Haushalt auf ca. 13000 Menschen. Das bedeutet, daß sich die Bevölkerung innerhalb von 30 Jahren verdoppelt hat.
Über den Landschaftszustand also über die Verteilung von Wald und offenem Land geben einige Grenzbeschreibungen und Privilegien
Auskunft. Danach müssen um 1500 noch recht umfangreiche Waldgebiete bzw. Heiden und Strauchbestand vorhanden gewesen sein, in denen
die Siedlungen mit landwirtschaftlich genutztem Acker noch inselartig lagen. Relativ groß waren die Wälder um Klaussen, im Süden am
Westufer des Raygrodsees, westlich des Lyckflusses und südlich des Lycksees, ferner die Dallnitz und das Waldgebiet Milchbude, schließlich
in der Umgebung des Regeler-Sees und des Skomantsees. Fast vollständig bewaldet war das Gebiet östlich des Selment-Sees und um den
Wachteldorfersee, aber auch der Ostteil des Kreises, der damals kaum besiedelt war, hatte Waldgebiete. Noch überwog der Wald gegenüber
dem Ackerland. Da viel Vieh, so Ochsen als Zugtiere, Kühe und Schafe gehalten wurden, war die Waldhütung weit verbreitet. Als Beispiel sei
das ,,Freidorf“ Rostken bei Klaussen angeführt; hier waren 1539/40 bei 7 Wirten und 5 Gärtnern insgesamt 11 Pferde, 2 Fohlen, 37 Kühe, 16 Stärken, 76 Ziegen, 58 Schafe und 69 Schweine.
Nach Abschluß der eigentlichen Besiedlung Mitte des 16. Jahrhunderts hat sich die Landschaft erheblich verändert. Im Gegensatz zu den
Verhältnissen um 1500 stellen die Siedlungen nicht mehr Inseln in der Wildnis dar, der Wald war bis auf einige Waldzonen verschwunden. Im
Nordosten waren nur nördlich Maschen größere Waldgebiete erhalten geblieben, die Gegend um den Wachtelsee war vollständig gerodet.
Westlich des Raygrodsees waren im Waldgebiet nur Siedlungsinseln um Sawadden/Grenzwacht, Kopicken/Waldenau und
Dlugossen/Langheide entstanden. Größere Waldgebiete gab es noch südlich des Skomantsees zwischen Pissanitzen und Gr. Lasken, zwischen
Selmentsee und Lyckfluß (die Dallnitz) und südlich Lyck am Hertasee. Das Waldgebiet von Milchbude und südlich Klaussen war noch
unverändert. Kleine Waldstücke bestanden noch nördlich des Laschmiadensees, bei Lepacken, Dombrowsken, Prostken an der Grenze südlich Baitkowen.
Nach der Landaufnahme 1539/40 wurde der Bevölkerungsüberschuß zum Teil in neugegründeten Dörfern (Freidörfer, Zinsdörfer und
Pflügerdörfer) im nördlichen Kreisgebiet, zum Teil im benachbarten Kreis Oletzko angesetzt; es entstanden Orte mit überwiegend mittleren und
kleinen Bauernstellen. Nunmehr wurden auch die ,,wüsten“ Hufen sowie die ,,Ubermaß“-Hufen bis auf 19 Hufen in Oratzendörfer besetzt.
Gebauer (S.88) hat Übersichten für 1600 über die selbständigen Siedlungen, die selbständigen Existenzen und die Zahl der besetzten Hufen aufgezeichnet.
Insgesamt 191 Dörfer, 4476 Hufen, 2595 Wirte. Dazu sind noch 158 ,,Übermaßhufen in den Bauerndörfern des Amtes L y c k hinzuzurechnen.
Zusammen mit den ,,wüsten“ und ,,Übermaßhufen“ gehören zu 191 Dörfern 4634 Hufen. Gebauer nimmt an, daß etwa 13000 - 14000
Menschen im Kreisgebiet um 1600 ansässig waren; danach hätte die Bevölkerung seit 1540 nur noch wenig zugenommen.
Waren in der Ordenszeit, wie oben dargelegt, nur wenige Krüge und recht spät gegründet worden, entstanden in der Herzogszeit zahlreiche
Krüge im Kreisgebiet innerhalb geschlossener Ortschaften oder abgelegen an verkehrsreichen Straßen. Vielfach erhielt der ,,kölmische“ Krüger
Land zugeteilt. So hatte Jan Kalixte den Krug zu Neu-Jucha und ,,1 Hufe sambt sechs Morgen Wiesen“ zu ,,kölmischem Recht“ gegen Zahlung
von ,,Zins“ zu Martini und Leistung von Scharwerk nach ,,6 Freijahren“ erhalten. Es gab aber auch ,,Nur-Krüge“ ohne Acker und Wiesen. Die
Krüge, die ,,Kaufhäuser“ jener Zeit, hatten vor allem das Recht des Brauens von Bier und Brennens von Branntwein, damit erhielten sie den
unbeschränkten Ausschank von Bier und Branntwein. Dafür hatten sie genau festgelegte Abgaben zu leisten. Im 17. Jahrhundert wurde das
Recht des eignen Brennens zugunsten der Amtsbrauereien und der Brennereien aufgehoben. In Ädl. Jucha wurde in dieser Zeit z. B. eine
Brennerei eingerichtet; diese versorgte die dem Besitzer von Adl. Jucha gehörenden 3 ,,Erbkrüge“, aber es bezogen zeitweise auch andere
Krüge Branntwein von dieser Stelle, so der ,,Königliche Krug“ und der ,,Zinskrug“ in Neu- Jucha. 1900 wurde mit der Einführung des
Branntweinmonopols die unmittelbare Belieferung der Juchaer Krüge aufgehoben; der Besitzer Otto Gruber mußte den Branntwein aus seiner
Brennerei an die Sammelstelle nach Lyck liefern, die Abfüllanlage wurde plombiert und von Zeit zu Zeit kontrolliert.
Übrigens war in Handfesten und Privilegien einiger Krüge in der Ordenszeit, aber auch danach in der Herzogszeit festgelegt, daß sie für
Postfuhren Pferde zu stellen und Postfuhrwerke und Leute unterzubringen und zu versorgen hatten. Für 1600 wurden im Amt Lyck 108 und im Amt Straudaunen 44 Krüge aufgeführt.
Der Tatareneinfall 1656
Hatte der Dreißigjährige Krieg (1618 - 1648) Ostpreußen und unsere Heimat erfreulicherweise nicht berührt, kündigte das Jahr 1655
umwälzende Ereignisse im Osten an. Aufs neue flammte der jahrzehntelange Kampf um die polnische Krone zwischen der damaligen Großmacht Schweden und Polen auf. Der Schwedenkönig Carl Gustav, ein Vetter des Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm zog in raschem
Siegeszug nach Polen hinein. Ende Juli 1655 erschienen schwedische Husaren in Lyck und erpreßten vor allem von der ,,Widdem“, dem
Pfarrhaus, 300 Gulden, wenn nicht das ganze Pfarrgehöft in Flammen aufgehen sollte). Der Große Kurfürst schloß sich im Vertrag von
Marienburg (15. Juni 1656) den Schweden an. Das vereinigte Heer der Schweden und Brandenburger schlug in einer dreitägigen Schlacht bei
Warschau (28. - 30. Juli 1656) das polnische Heer - die erste glänzende Waffentat der jungen Streitmacht des Kurfürsten. Der polnische
König Johann Kasimir beschloß, den Abfall des preußischen Lehnsvasallen durch Einfälle in das Preußenland zu rächen. Der litauische
Unterfeldherr Gonsiewski erhielt vom polnischen König den Auftrag, einen Raubzug nach Preußen mit Polen, Litauern und einer großen Schar
von Tataren auszuführen. Den 20000 Polen und Tataren standen etwa 10000 schwedische und preußisch/brandenburgische Truppen
gegenüber; am 8. Oktober 1656 wurden die Verbündeten am Lyckfluß bei Prostken angegriffen und vernichtend geschlagen; ihre Verluste an
Toten und Gefangenen betrug ca. 7000 Mann. Nun erlebte das unglückliche Land in kurzer Zeit alles, was ihm der Dreißigjährige Krieg nicht
beschert hatte. 13 Städte, 244 Dörfer wurden eingeäschert, 5/6 des Ackerlandes wurden wüst, 34000 Menschen wurden verschleppt, Pest
und Viehseuchen breiteten sich über das Land aus. Der rote Schein brennender Dörfer trug die Kunde von der verlorenen Schlacht durch das
Land und erfüllte die Bewohner mit Furcht und Entsetzen. Gleich blutdürstenden Raubtieren durchzogen Tataren unser armes Masuren. Mord, Brand und Verwüstung bezeichneten ihren Weg. Der erste Einfall galt dem Hauptamt Lyck.
In dem Kirchspiel Ostrokollen begann die blutige Menschenjagd.
,,Dieses Dorf (Ostrokollen) ist in Grund weggebrannt, wie auch die Widdem, desgleichen die Schule, Spital und das ganze Dorf liegt
in derAsche bis auf ein Haus und3 Scheunen. Den Herrn Kaplan und 1 Bauern niedergehauen und 80 Personen weggetrieben.“
So heißt es im kurz danach gefertigten amtlichen Bericht über die im Dorf angerichteten Schäden verfaßt vom Amtshauptmann zu L y c k, Oberst Hans Georg von Auer.
Das Kirchspiel Ostrokollen hatte insgesamt über 1400 Menschen zu beklagen und zwar wurden 1362 gefangen und fortgeschleppt, 96
Menschen fielen dem Schwert zum Opfer, die ,,Tatarenschanze“ bei G or t z i t z e n erinnert noch heute an jene schrecklichen Tage.
Am 9. Oktober wurde die Stadt Lyck überfallen, ausgeplündert, vollkommen zerstört und einschließlich Kirche und Provinzialschule
eingeäschert. Die. Lycker Einwohner hatten sich allerdings auf die Burg auf der Insel im Lycksee gerettet. Die Burg auf der Insel verteidigte
Oberst von Auer, der auf eigne Kosten ein Dragonerregiment aufgestellt hatte und unterhielt, erfolgreich gegen Polen und Tataren, obwohl nicht
nur die Geschosse der Feinde, sondern auch die Pest die Reihen der Verteidiger lichtete. Konnten Polen und Tataren die Burg nicht einnehmen,
brannten sie dafür die Domäne auf dem andern Ufer vollständig nieder. Getreidevorräte wurden vernichtet, Menschen und Vieh fortgeführt.
Auch alle andern Dörfer der weiteren Umgebung erlitten dasselbe Schicksal. Die Schäferei in Neuendorf mit etwa 1000 Schafen wurde
vernichtet, die Schafe fortgeführt. Nach dem Bericht im ,,Licker Unterhaltungsblatt“ 1841, Nr. 20 ,,soll auf dem Tatarenberg bei Lick eine
Anzahl gefangener Männer, als ihre Wächter neben ihnen berauscht eingeschlafen seien, von ihren Frauen der Bande entledigt und befreit sein“.
Pissanitzen/Ebenfelde wurde von den Tataren an einem Sonntag überfallen. Die Gemeinde weilte in der Kirche, und Pfarrer Trentovius
waltete auf der Kanzel seines Amtes. Doch das Heiligtum der Kirche und der Tag des Herrn hinderten die wilden Gesellen nicht, mit dreister
Stirn in das Gotteshaus einzudringen. Sie stachen 54 Personen nieder, ertränkten zwei und schleppten 329 in die Sklaverei. Dorf und Kirche
wurden in Asche gelegt; Pfarrer Trentovius aber entkam und fand im benachbarten Polen Aufnahme und Rettung.
In Kallinowen wurden von 800 Personen die meisten niedergehauen; der Rest mußte den dornenvollen Weg in das Tatarenland antreten.
Pfarrer Baranowski gelang es, mit Frau und Kind zu fliehen. Er suchte mit seiner Familie in den Wäldern Schutz vor den Verfolgern. Der
quälende Hunger trieb ihn jedoch in das Pfarrhaus von C z y c h e n, um Speisen zu bitten. Hier wurde die Familie von den einbrechenden
Tataren gefangen genommen, gefesselt und fortgeführt. Der zweijährige Sohn wurde von den mitleidlosen Feinden gegen einen Baum
geschleudert, als ihnen der Transport lästig wurde; dort blieb das Kind wie tot liegen. Gute Menschen fanden das Kind und brachten es nach
Lyck, wo es gesund gepflegt wurde. Pfarrer Baranowski fand ein furchtbares Los. Er wurde Galeerensklave und ist nach einem Leben voll
Mühe und Elend in Kandia auf Kreta gestorben. Ein milderes Schicksal war dem Kallinower Lehrer Zaborovius bestimmt, er wurde ebenfalls
mit seiner Familie fortgeschleppt; doch gelang es ihm, aus der Tatarei zu entkommen. Auf einem Bündel aus Binsen und Rohr schwamm er über
den Dnjepr und kam nach mühevoller Wanderung in Kallinowen an, wo er Nachfolger von Pfarrer Baranowski wurde.
Auch G r ab n i c k wurde von den tatarischen Mordgesellen heimgesucht; der Ort wurde eingeäschert, doch blieb die Kirche wie durch
Zufall verschont. Lange Zeit konnte man einen Pfeil im Fähnlein des Turmes beobachten, den ein Tatar nach dorthin abgeschossen hatte. Der
Pfarrer soll dadurch dem Tod entgangen sein, daß er unter einer Brücke ein sicheres Versteck gefunden hatte. Von den Einwohnern wurden 74 fortgeschleppt und 17 säbelten die wilden Feinde nieder.
In Klaussen ist nach einem Bericht des Pfarrers G r o ß an den Erzpriester G i s ev i u s zu L y c k vom Jahre 1 786 die Rettung der Kirche
dem Aberglauben der Polen zu verdanken. Unter polnischer Führung hatten Tataren das Dorf überfallen; sie verlangten vom Pfarrer Geld und
wertvolle Kirchengeräte. Als er ihnen keine Kostbarkeit geben konnte, wollten sie ihn umbringen und die Kirche einäschern. Er erzählte ihnen
aber, daß das Gotteshaus heilig wäre; im Jahre 1640 habe man hier den Teufel vertrieben. Er zeigte ihnen den Stein vor der Kirche, in dem die
Spuren des Teufels zurückgeblieben waren. Zugleich machte der Pfarrer die zuhörenden Feinde darauf aufmerksam, daß Gott jede böse Tat an
dieser Stätte furchtbar rächen würde. Vor Angst bebend riefen Polen den Tataren zu: ,,Lasset zufrieden, wir wollen weiter!“ In raschem Ritt verließen die Feinde den Ort.
Auch dem Kirchdorf Lyssewen statteten die feindlichen Horden ihren Besuch ab. Es war wieder ein Sonntag. Pfarrer Christoph K o z i k
geriet mit vielen Gemeindemitgliedern in Gefangenschaft. Einige ihm bekannte Polen aber retteten ihn und ermöglichten seine Heimkehr. Das
Kirchdorf einschließlich Holzkirche wurde ein Raub der Flammen; seine fortgeführten Einwohner sahen ihren Heimatort nie wieder.
Über die Schäden im Kirchspiel Lyssewen besteht ein Bericht des Lycker Amtshauptmanns von Au e r.
,,Lyssewen hat 40 Hufen, 14 Gebäude einschließlich Pfarrgebäude verbrannt, 4 “stehet“, alles Vieh und Pferde fort, Felder besät über Winter, 50 Personen fort getrieben, 3 umgekommen.
Prawdzisken, 30 Hufen, 19 Gehöfte,, stehet“, alles bis aufs Hufen über Winter besät, keine Vorräte, 17 Personen fort getrieben.
Colleschnigken (Jürgenau) 15 Hf, 6 Gehöft verbrannt, 6 ,, stehet“, Acker über Winter besät, alles Vieh und Pferde bis aufs Stück
Vieh und 1 Pferd fort, 15 Personen weggetrieben, 1 Kind verbrannt.
Gronzken (Steinkendor), 37 1/2 Hufen, 14 Gehöfte verbrannt, 9 ,,stehet“. ,,Ist über Winter besät“, alles ,,Vieh und Pferde bis auf 2
Ochsen weg«, 45 Personen weggetrieben, 2 niedergehauen.
Romanowen (Heldenfelde), 30 Hufen, 16 Gehöfte ,,verbrannt“, 5,, stehet”, bis auf 17 Hufen ,,ist über Winter besät«, alles Vieh und
Pferde bis auf 2 Pferde und 2 Stück Vieh weg, 41 Personen weggetrieben, 1 niedergehauen.
Jendreyken (Andreken), 12 Hufen, 4 Gehöfte ,,verbrannt“, 4 ,,stehet“, die Hälfte über Winter besät, 5 3/4 Hufen wüst, 12 Personen weggetrieben, 2 niedergehauen.
Romotten‘ 14 Hufen, alle 7 Gehöfte ,,verbrannt“, ,,Ist alles über Winter besät“, alles Vieh und Pferde weggetrieben, 14 Personen fortgeschleppt, 2 niedergehauen.
Stofinen (Sprindenau), 22 1/2Hufen, 2 Gehöfte,, verbrannt“, 11 ,,stehet“, alles Vieh und Pferde weg, ,,Ist über Winter besät«, 15 Personen forgeschleppt.
Przepiorken (Wachteldorf), 13 Hufen, alle 10 Gehöfte ,,verbrannt“, ,,Ist über Winter besät«, alles Vieh und Pferde weg, 10
Personen weggetrieben, ,,Jan Pogorzelski, niedergehauen,“ 1 Haus ,,verbrannt“.
Skrzipken (Geigenau), 15 Hufen, alles steht, ,,Ist über Winter besät“, bis auf 7 Pferde und 6 Ochsen sowie 1 Kuh alles weggetrieben, 19 Personen verschleppt, 2 niedergehauen. - -
Burnien‘ 15 Hufen, alle 8 Gehöfte stehen ,,Ist über Winter besät“, alles Vieh und Pfrrde weg, 21 Personen verschleppt, 1 niedergehauen.
Duttken (Petzkau)‘ 15 Hufen, alle Gehöfte laut,, Einzelaufrtellung“ ,,nicht verbrannt“, ,,Ist über Winter besät“, 8 3/4 Hufen
,,wüst“, alles Vieh und Pferde weg, 10 Personen weggetrieben.
Borsimmen, 52 Hufen, 25 Gehöfte ,,verbrannt“, auch 1 Scheune ,,abgebrannt, das Haus stehet“ Unter 14 Gärtnersfamilien
besonders hohe Verluste, der Hirt ,,ist mit seinem Weib und 1 Tochter genommen“, ,,Ist über Winter besät«, alles Vieh und Pferde weg, 110 Personen verschleppt, 7 niedergehauen.
Zum Schluß dieses Berichts des Amtshauptmanns von L y c k heißt es:
,,Haben die Tataren viel Vieh und Pferde genommen, aber ihrer halben waren noch viele geblieben. Die Polnischen von Adel aber, so
an der Grenze wohnen, nebst ihren Bauern, haben den Rest Pferde, Vieh, Schafe Gänse und Hühner alles weggenommen, daß im ganzen Kirchspiel kaum 10 Stück Rindvieh überbleiben.
Sind in allem aus diesem Kirchspiel 379 Personen weggetrieben, 22 Personen niedergehauen.“
Wenn es in der ,,Einzelaufstellung“ dieses Berichtes heißt, daß ,,über Winter alles besät“ ist, so dürfte die Feldbestellung vor dem Einfall der Tataren erfolgt sein.
Jucha blieb von den Tataren verschont. Pfarrer Michael Mittelpfort (1658 - 1666) vermerkte im Kirchenbuch von Neu-Jucha u. a. Als die
Tataren am 11. Oktober 1656 mit einem kleinen Trupp ins Dorf kamen, hatten sich die Einwohner in die Kirche geflüchtet und dort verschanzt.
Die Tataren zogen bald ab. Danach flüchteten die Einwohner in die nahen Wälder in Richtung Kaltken. Am 12. Oktober kamen die Tataren
wieder, schauten in die Kirche, dort erblickten sie den aus vorreformatorischer Zeit stammenden Altar und glaubten, das Dorf wäre katholisch
wie ihre Verbündeten, die Polen, und verschonten Kirche und Dorf Neu- und Alt- Jucha; sie zogen weiter in Richtung L ö t z e n und Marggrabowa.
Dieser furchtbare Einfall von Tataren und Polen dauerte nur 14 Tage vom 8 - 22. Oktober 1656. Am 22. Oktober 1656 wurden Polen und
Tataren von einem vereinigten schwedischen und preußischen Heer bei Philippowo jenseits der Grenze geschlagen. In der Folgezeit kamen sie
nur noch sporadisch mehrmals in den Kreis Lyck, wurden aber umgehend wieder herausgejagt. Ab Frühjahr 1657 blieb unsere Heimat verschont, obwohl dieser Krieg noch bis 1660 weiterging.
Hier sei noch die ,,Sage vom Tatarensee“ aufgezeichnet:
,,Bei einem Tatareneinfall wurde eine große Schar männlicher Einwohner des Kreises Lyck gefesselt den Pferden der Eindringlinge an
die Schwänze gebunden und bis zum Tatarensee (der damals einen anderen Namen trug) mitgeschleift, wo die Tataren nächtliche
Rast machten. Die Frauen der Männer waren den Tataren von weitem nachgeeilt. Als die Nacht kam, traten sie zum Lager der
Feinde, taten mit ihnen lustig und gaben ihnen hierbei große Mengen Bärenfang zu trinken, der sie so betrunken und müde machte,
daß sie alsbald umfielen und einschliefen. Da zerschnitten die Frauen die Fesseln ihrer Männer und die Berfreiten halfen, die Tataren zupacken, an den See zu schleppen und in das moorige Wasser zu werfen.
Seither heißt dieser dunkle Waldsee der Tatarensee. «
Über den durch den Tatareneinfall verursachten Schaden liegt für das Amt Lyck ein Bericht des Amtshauptmanns von Lyck, Oberst von Auer vor (,,Summa des Schadens, so im Amte Lyck geschehen
"). Danach sind,, 2892 Personen weggetrieben, 221 Personen niedergehauen = 3 113 Personen, davon man Wissenschaft haben kann«. ,,Von den übrigen sind viele an der Pest (1657) und anderen
bösen Krankheiten gestorben.“
Im Amte Lyck wurden die Stadt Lyck, 67 Dörfer, 1 Flecken, 3 Kirchen (in Lyck, Ostrokollen und Pissanitzen), 3 Hospitäler, die
Provinzialschule Lyck, 2 Vorwerke, 2 Mühlen mit 5 Gängen, 1 Walkmühle ,,im Grunde abgebrannt mit allem Getreide“.
Die im Jahre 1657 auftretende Pest raffte wiederum zahlreiche Menschen dahin, so im Kirchspiel Kallinowen allein 635 Menschen.
Töppen beziffert die Verluste in den beiden Jahren 1656 und 1657 durch die Tatareneinfälle in Preußen ,,13 Städte, 249 Dörfer, Flecken
und Höfe nebst 37 Kirchen eingeäschert, 23 000 Menschen erschlagen. 3400 Einwohner fortgeschleppt, mehr als 80000 durch Pest und Hunger aufgerieben“.
Der Große Kurfürst erreichte mit dem Vertrag zu Wehlau am 16. September 1657 den Frieden mit Polen und vor allem die Entlassung aus
dem Lehnsverhältnis als Herzog von Preußen seitens des polnischen Königs. Im Frieden zu Oliva (3. Mai 1660) wurde die Souveränität
Preußens von Polen und allen Großmächten sowie vom Kaiser bestätigt. Nach fast 200 Jahren war Preußen endlich wieder frei! Das Ausmaß
der Schäden in der Landwirtschaft durch den Tatareneinfall vermittelt eine Übersicht über die Bevölkerungszahl und ein Vergleich der
bewirtschafteten und wüsten Hufen des Kreises. Die Angaben für das Amt Lyck sind 5 Jahre nach dem Tatareneinfall erstellt worden, für
Stradaunen beziehen sich die Angaben auf das Jahr 1665 und für Klaussen laut Amtsrechnung von 1672/73, hier waren schon einige Maßnahmen zur Erholung des Landes eingeleitet und wirksam geworden.
Waren bei der Bestandsaufnahme 1600 nur 19 Hufen ,,wüst“, sind nach dem Tatareneinfall etwa ein Drittel ,,wüste“ Hufen festgestellt
worden. Ganz besonders betroffen sind die Bauern- und Pflügerdörfer. 4 Orte sind ganz ,,wüst“, Bobern, Langsee, Petzkau und Sprindenau. In
3/4 der übrigen Dörfer lagen Teile der Flur ,,wüst“;im Amt Lyck waren es von 121 Siedlungen 91 Orte. Im Amt Stradaunen war die Zahl der
,,Wüstung“ der Orte weniger hoch; nur in 13 Orten waren die ,,Erben“ ,,wüst“. Am stärksten verheert war das Kirchspiel 0strokol1en. Neben
den sehr hohen Menschenverlusten mit ca. 1300 getöteten oder verschleppten Personen lag das meiste ,,wüst“ (Ostpr.Fol.829,S.648ff). 2 völlig verwüstete Dörfer, Langsee und Bobern, gehören zu diesem Kirchspiel.
Gebauer stellt einen Vergleich der Bevölkerungszahl von 1600 mit der nach dem Tatareneinf all an und kommt zum Ergebnis, daß fast die
Hälfte der Bevölkerung getötet oder verschleppt worden ist; einige mögen auch in grenzfernere Gegenden geflüchtet sein. Die Gesamtbevölkerung im Kreise schätzt er um 1660 auf ca. 7300 gegen 13 - 14 000 Menschen um 1600!
Nur sehr langsam erholte sich das Land nach diesem schweren Schicksalsschlag. Es fehlte an Menschen und an Inventar; es fehlten vor allem
Pferde und Ochsen, um den Acker zu bestellen, es mangelte auch an Vieh, Schweinen, Ziegen und Schafen sowie an Geflügel. Die Bauern
waren so verarmt, daß Anschaffungen nahezu unmöglich waren. Hinzu kam eine unkluge Siedlungspolitik der Landesherrschaft bedingt durch
weitere kriegerische Maßnahmen. Wo Bauern es unternahmen, die ,,wüsten“ Hufen zu bestellen oder mitzubenutzen, wurde ihnen ein erhöhter ,,Zins“ auferlegt. Abgaben und Scharwerksleistungen wurden gesteigert.
Trotzdem ist eine allmähliche Besserung der Verhältnisse bis zum Ende des 17. Jahrhunderts festzustellen. Zahlreiche ,,wüste“ Hufen und
Besitzungen werden wieder besetzt. Bei der Bestandsaufnahme 1694/95 wurden gegenüber 1661/62 insgesamt 335 neue selbständige
Existenzen festgestellt; zu diesem Zeitpunkt lagen noch 602 Hufen im Amte L y c k ,,wüst“; also nur etwa 1/4aller Hufen dieser Art waren noch
nicht besetzt; das bedeutet aber nicht, daß diese ,,wüsten“ Hufen wirklich ,,wüst“ lagen, sondern sie wurden meist von der ganzen Dorfschaft
zu einem wesentlich günstigeren Zins - dem sogenannten ,,Wüstenzins“ - von allen genutzt und bewirtschaftet. Gebauer nimmt an, daß am Ende
des 17. Jahrhundert in Süd-Masuren (Ly c k) etwa 2500 Menschen weniger als zu Beginn des Jahrhunderts lebten.
Gründung der Stadt Lyck 1669, Entwicklung bis 1800
Bereits 10 Jahre nach der Gründung des kölmischen Zinsdorfes Lyck unternahm der Hochmeister Paul von Rußdorf den Versuch, eine Stadt
Lyck zu gründen. 1435 wurden 102 Hufen ausgetan, von denen 40 Hufen ,,zinsfrei“ der Stadt, 8 Hufen ,,zinsfrei“ dem Schulzen und 4 dem
Pfarrer gehören sollten (O.F.97, BI.24f). Die übrigen 50 Hufen sollten der Lokator Michel Neors - der erste Schulz und Lokator Bratumil war offenbar 1435 nicht mehr am Leben - und Bürger und Einwohner der Stadt erhalten.
Zur Stadtgründung ist zu bemerken, daß es zur Siedlungstradition des Ordens gehörte, auch die Gründung einer Stadt vorzunehmen.
Offensichtlich rechnete der Orden mit einer kräftigen Entwicklung des Lycker Siedlungsraumes oder strebte sie wenigstens an. Infolge des
politischen Niedergangs des Ordens in dieser Epoche kam der Ort aber nur äußerst langsam voran. Lyck blieb noch lange ein Dorf. So nennt
der Komtur zu Rhein, Georg Ramung von Ramegk ausdrücklich ,,Dorff Lyck“ in einer 1483 zu Lyck ausgestellten Handfeste, in der er die Weide ,,vbermaß uff der Dalnicz“ verschreibt an ,jorge Scholcz, Hansen Schordach, Macz Garnmeyster, Mychel Pamsky, Mikolae
Wizna, Marczin Los, Peter Roßtusch und den Eynwonernn aller jm Dorf Lycke« (Ostpr.Fol. 119S.98 nachstehend).
Die Gründung einer Stadt Lyck war zur Ordenszeit gescheitert. Die ruhigen 50 Friedensjahre nach dem 2. Thorner Frieden 1466 aber
brachten Lyck, auch ,,Flecken“ genannt, einen gewissen wirtschaftlichen Aufschwung. Das zeigt sich unter anderem in der zunehmenden Gründung von Krügen schon in der Ordenszeit.
Im Jahre 1477 verlieh der Pfleger ,,czur Licke« dem ,,bescheiden mann Aßmann 1 Krug nebst 1 Morgen Wiese bey der brucken vor dem Dorffe Lycke«. In seinem Krug soll er führen ,,gewant, Salz, Honigk un allerley stoffen«. ,,Zins« soll er wie andere Krüge abführen,
aber ,,nicht scharwerken«. (Ostpr.Fol.1 19 B.23R.)
1483 werden mehrere ,,Kruggerchtigkeiten“ in Lyck ausgegeben. So erteilte der Komtur zu Rhein, Georg Ramung von Ramegk dem Nicolae Sayser ,,eynen krugk uf seyner Hube gelegen und eynen garten zwischen clemens krug und Aßmanns krug zu kölmischem
rechte«; ferner 6 Morgen Wiesen am Fluße Lycke ,,gen Neuendorff“. Zu Martini waren ,,vier margk geringe und acht Hüner« abzuführen an das Ordenshaus in Lyck.
Der gleiche Komtur zu Rhein verleiht auch im Jahre 1483 dem Bernhart ,,eynen krugk und eynen garten gelegen im Dorf Licke neben Aßmanns kruge« sowie ,,eyn freye Huben “ und ,,sechs morgen wiesen uf gen denn Neuendorf amfluße Licke gelegen”. Schließlich
durfte dieser Krüger zu seines Tisches ,,Nothdurft“ und nicht ,,zu verkaufen” im ,,Sunowo“ und ,,Lycke mit vier stecken und kleine gezeugefrey fischerei“ betreiben. In seinem Kruge durfte er alles verkaufen und kaufen ,,ausgenommen Wachs und etliches das dy
Herrschafft an gebot«. (Ostpr.Fol.119 BI.22R.)
1486 verlieh der Rheiner Komtur Rudolf von Tippelskirchen dem Jan Wagner 1 Krug ,,mitten im Dorf czur Licke gelegen « nebst 4
Morgen Wiesen gegen jährliche Zahlung von vier Mark und Lieferung von 8 Hühnern an das Ordenshaus. Scharwerk ist zu leisten ,,gleich eynen andern krüger czur Licke«. (Ostpr.Fol.119 Bl.99R.)
Im Jahre 1516 wird ein heimgefallener Krug in Lyck für ,,zwanzig mark zu Gölmischen Recht” an Jacob verkauft; dieser erhielt außerdem zwei Morgen Wiesen ,,gelegen an der Milucker grenze«; Abgaben auch hier 4 Mark und 8 Hühner jährlich. (Ostpr.Fol.119 Bl.99.)
Die Krüge lagen alle beisammen im Zentrum des Dorfes Lyck an der einzigen mit Häusern bestandenen Straße. Ein Krug war ein Kaufhaus,
denn dieser führte neben den üblichen Dingen wie Getränke und Speisen auch Tuche, Kleider, Salz und anderes, was von den größeren
Städten wie Königsberg und Elbing herangeführt werden mußte. Auch Artikel aus Metall wie Töpfe, Pfannen, Kannen und dergleichen wurden
in den Krügen angeboten, die ebenfalls zugeführt wurden. In Städten wie in Rastenburg und Sensburg gab es schon zur Ordenszeit private Brauereien; für Lyck ist das für diese Zeit nicht auszumachen.
Zur Herzogszeit nach 1525 erfolgten weitere Kruggründungen und Mitte des 16. Jahrhunderts auch Einrichtungen von privaten Brauereien.
1539 bestanden in Lyck bereits 24 Krüge und für 1671 sind über 50 Krüge und 5 private Brauereien genannt.
T öp p e n erwähnt neben der Fischerstraße in Johannisburg Fischbänke für L y c k und S e n sb u r g; hier wurden Fische vom Sunowosee angeboten, wahrscheinlich auch Heringe, die zugeführt wurden.
Obschon zur Ordenszeit wie in anderen größeren preußischen Orten auch Brot -und Fleischbänke neben Schuhständen in Lyck in
sogenannten ,,Haken-“ oder ,,Hökerbuden“ mit ,,Hökern“ bestanden, war leider nicht auszumachen.
Die wachsende Bedeutung des ,,Flecken L y c k“ zeigt sich gegen Ende der Ordenszeit auch daran, daß es im Jahre 1513 ein Gerichtssiegel erhielt; es stellt nach dem Historiker H o r c h ,,einen Busch von Bäumen vor, aus dem von der linken Seite ein Hirsch hervorsp ringt mit
der Inschrift: Sigillum Judici CivitaLic. 1513“. Als Lyck im Jahre 1669 ein neues Siegel, den doppelköpfigen Janus, erhielt, übernahm Ortelsburg den Lycker Wappenhirsch, welchen es noch heute führt.
Durch den sogenannten ,,Reiterkrieg“ (1519 - 1521) zwischen dem Ordensstaat und Polen wurde die wirtschaftliche Entwicklung auch von
Lyck betroffen, wenn es auch nicht so schwer heimgesucht wurde wie andere Städte und Dörfer im Ordenslande.
In die lange Friedensepoche des Herzogtums Preußen fällt die erste Glanzzeit von L yck sowohl in wirtschaftlicher wie in geistiger Beziehung.
Herzog Albrecht, der mit dem Ordensgewand zugleich den katholischen Glauben abgelegt hatte, setzte alle Kräfte daran, die neue Lehre
Luthers nicht nur in seinem Staate, sondern auch in den Nachbarländern zu verbreiten. L y c k spielte dank der Unterstützung Herzog Alb
rechts in Masuren eine führende Rolle. Albrecht brauchte für Masuren Geistliche, die masurisch/polnisch beherrschten. So wurde der Krakauer
Drucker Johann Maletius nach Lyck berufen; dieser errichtete im Auftrag des Herzogs bei L y c k eine Druckerei, die Dritte in Preußen, in der
die Bibel und andere evangelische Erbauungs- und Lehrschriften in polnischer Sprache gedruckt wurden. Von hier wurden Bibeln und andere
evangelische Schriften nicht nur in Preußen, sondern weit nach Polen hinein vertrieben. So verdankt Lyck seiner Lage seinen Aufstieg zum geistigen Mittelpunkt im östlichen Masuren.
Sehr förderlich für das Ansehen L yc k‘s war auch die Einrichtung der Erzpriesterstelle (später Superintendent) in Lyck im Jahre 1537 und
die Einsetzung des Laien Johann M a 1 e t i u s zum ersten Erzpriester; diesem unterstanden die Hauptämter Oletzko, Johannisburg, Rhein und Lyck.
Hinzu kam der Aufschwung der wahrscheinlich schon 1472 errichteten Kirchschule; dafür sorgten Johann Maletius und sein Sohn
Hieronymus, der seinem Vater auch als Erzpriester folgte. Im Jahre 1587 wurde die Kirchschule zur ,,Provinzialschule“ für die
masurisch/polnisch sprechenden Einwohner erhoben. Sie hatte die Aufgabe, masurisch/polnisch sprechende Jungen auf das Studium an der
1544 gegründeten Universität in Königsberg vorzubereiten. So wurde L y c k neben Saalfeld (für Deutschsprechende) und Tilsit (für litauisch sprechende Jungen) schulisch besonders herausgehoben.
Auch die wirtschaftliche Entwicklung machte bereits zu Beginn der Herzogszeit große Fortschritte. Der Orden hatte in manchen Städten
Jahrmärkte zugelassen; ob schon zu dieser Zeit auch in Lyck Jahrmärkte verschrieben waren, ist nicht ausdrücklich festgehalten. Da aber
Handel und Verkehr bereits zur Ordenszeit ansehnliche Fortschritte gemacht hatten, ist zu vermuten, daß auch hier Jahrmärkte in den letzten Jahren der Ordenszeit abgehalten wurden.
Der Amtshauptmann zu Lyck berichtete am 27. August 1557 über Unbotmäßigkeiten an den Markttagen, es kämen Leute von außerhalb des
,,Flecken Lyck“ sogar über die Grenze aus der ,,Masau“, verkauften Waren, wodurch der Lycker Handel benachteiligt werde, und was noch
schlimmer sei, sie kauften vor allem Nahrungsmittel auf, dadurch müßten die eignen Leute Mangel leiden, es würde alles teurer. (Et.Min.93a2,
Nr.4.) Die Folge sei, die Verpflichtung der Einwohner zur Zinszahlung, zu Postfuhren u. a. könnten nicht mehr erfüllt werden. Dieser
ungeregelte Zustand könnte behoben werden, wenn der Herzog dem ,,Flecken Lyck“ neben den Jahrmärkten einen regelmäßigen
Wochenmarkt und ein ,,ordentliches Marktrecht“ gewähren würde. Der Herzog reagierte darauf positiv und verlieh ,,in oppido Lyck“ (d. h. der
Stadt L y c k) einen Wochenmarkt. Diese Urkunde vom 4. Oktober 1558 war in lateinischer Sprache verfaßt. Nach H o r c h heißt es darin u. a. ,,begnadigen und verschreiben demnach hiemit gemeldten Einwohnern zu Lyck, dass sie wöchentlich auf den Montag einen
Wochen-Markt, und auf demselben gebührende Ordnung und Markt-Recht halten«.
Doch bereits 1560 war diese Urkunde laut einem Vermerk im ,,Regsitranten“ nicht mehr vorhanden und in Lyck selbst war das Original einer
,,Feuerbrunst“ nach dem Bericht des Hauptmanns zu Lyck vom 6. November 1560 und einem weiteren Bericht aus dem Jahre 1622 verlorengegangen (siehe Anlage,Et.Min.93c2‘ Nr. 1Bl. 1+1 1).
Die Verleihung des Wochenmarktes jeweils am Montag entsprach zweifellos dem Bedürfnis wegen des schwunghaften Handels, dem die 3
Jahrmärkte nicht mehr genügten. Mit dem ,,ordentlichen Marktrecht“ kam allmählich Ordnung in das Marktleben in Lyck hinein. Die ,,Haken-“
bzw. ,,Hökerbuden“ wurden an den Wochenmärkten aufgestellt, natürlich gegen ,,Zins“-Zahlung. Auswärtige Händler und Verkäufer mußten
bei Betreten des ,,Flekkens Lyck“ ihren Obulus entrichten. Auf den Wochenmarkt kamen auch Bauern aus der näheren und weiteren Umgebung von L y c k und boten ihre Erzeugnisse aus Garten und Feld an.
Der Handel florierte. Der ,,Visitationsbericht“ des Bischofs Wigand von 1579 (Ostpr.Fol.1283) nennt in ,,Licke“ bereits 27 Krüge, die an
den Schulzen 15 Sch. je Krug und 9 Sch. ,,Rauchgeld“ je Schornstein abzuführen hatten. 1601 werden in Lyck insgesamt 33 Krüge, darin 6
,,freye“ und 27 ,,Zins“-zahlende Krüge genannt. Gab es bereits in der Ordenszeit in einigen Städten wie Danzig, Königsberg, Neidenburg,
Braunsberg u. a. private Brauereien, so versorgte das Lycker Ordensschloß auf der Insel die ersten Krüge mit Bier. Auch unter Herzog
Albrecht belieferte das Amtshaus die Mehrzahl der Lycker Krüge mit Bier. Einzelne Krüger gingen aber Ende des 16. Jahrhunderts dazu über,
selbst Bier nach Hausfrauenart, zunächst eine Biersuppe, bald danach aber auch schon Bier als Getränk herzustellen.
1601 wird in Lyck erstmals ein Kaufvertrag über einen ,,Brau-, Bier-Branntweinschank“ und Krug aufgeführt (Et.Min.93h Nr.6). In den
folgenden Jahrzehnten wurden weitere ,,Mälzenbrauhäuser“ gegründet. So bat Jacob Czernitzky 1629 für seinen Sohn, das Braurecht zu
bestätigen. 1659 erteilte der Große Kurfürst dem Jacob Czernitzki sein Braurecht unter der Auflage der Zahlung von ,,gewöhnlichen zwelf
Mark“ Zapfgeld (Et.Min.93h2, Nr.1). ImJahre 1683 forderte der Große Kurfürst den Stadtrichter auf, die dort ,,prätendierte Brau-Ordnung“
zu überprüfen wahrscheinlich im Hinblick auf ein Überhandnehmen von Unbotmäßigkeiten (Et. Min.93g2, Nr.5). Seitdem wurde die Erteilung von Braurechten stark eingeschränkt.
Mit der Erteilung zur Abhaltung eines Wochenmarktes und eines Marktrechts war für längere Zeit in Lyck Ruhe und Ordnung eingekehrt.
Doch Berichte des Hauptmanns zu Lyck aus den Jahren 1622 - 1624 zeigen, daß auf die Märkte nicht nur Lycker Einwohner, sondern Leute
,,von weit her, sogar über die Grenze aus dem benachbarten Masowien“ herkamen und vor allem Nahrungsmittel kauften, so daß alles teurer
würde und die eignen Menschen Mangel leiden und hungerten (Et.Min.93a2,Nr.4). Auch in späterer Zeit klagte der Hauptmann zu Lyck über
ungebührliches Auftreten von Polen, ganz besonders von polnischen Juden; so berichtet er dem König 1707, daß der Jude Zappay aus Polen
selbst am Sonntag vormittag in L y c k und Ostrokollen Bier und Branntwein verkaufe und so den Gottesdienst störe. Der König ordnete die
Ausweisung der Störenfriede, die Überprüfung und Sperrung der Grenze für solche Personen an und forderte, daß Markt nur an Markttagen
abgehalten werde und jeder sich zum Markt gegen ,,Zins“-Zahlung anzumelden habe; das solle überwacht werden (Et.Min.93e,Nr.5).
Mit dem Wochenmarkt begann das Handwerk aufzublühen. Sicherlich hat es schon zur Ordenszeit Handwerker wie Müller, Schneider,
Schuhmacher, Tischler und Schreiner vereinzelt gegeben; auch ein Barbier, der zugleich sich als Arzt betätigte, saß in Lyck. Doch als Zünfte
sind erstmalig genannt 1555 Barbiere, 1568 Schuster, diesen folgten ab 1600 Schneider, Bäcker, Schmiede, Schreiner, Leinweber und
Kürschner. Diese erhielten vom Kurfürsten im 17. Jahrhundert eine ,,Rolle“ (Handwerksrolle) bzw. ,,Gewerksrolle“. Damit wurde von der
Landesherrschaft die handwerkliche Zunft besonders gefördert und ihnen ein Privileg dahingehend erteilt, daß auf eine Meile rings um die Stadt bzw. den Ort kein fremder Handwerker sein Handwerk ausüben dürfe.
Herzog Albrecht besuchte L y c k wiederholt und kümmerte sich vor allem um die Durchsetzung der Reformation. So war er 1537 zur
Einführung des ersten Erzpriesters Johann Maletius für den Lycker Bezirk mit den Hauptämtern Johannisburg, Rhein, Oletzko und L yc k und
erneut 1544 in Lyc k. Hierbei wurde u. a. der Neubau der evangelischen Kirche festgelegt. Diese konnte im Jahre 1551 eingeweiht werden.
Hartknoch, der selbst nie in Lyck gewesen sein soll, stellt den Standort der Holzkirche am Seeufer (so die Zeichnung von Hennenberger von
1595) dar und zwar auf dem Gelände der späteren Grundstücke, Kaiser-Wilhelm-Straße 111 und 112 - Brodowski und Trojan -. Von hier
aus führte ein unterirdischer Gang zum festen Ordensschloß auf der Insel. Durch diesen retteten sich die in der Kirche versammelten Einwohner von Lyck am 9. Oktober 1656 beim Einfall der Tataren.
Die Pest forderte zwar im Jahre 1559 mit 600 Toten große Opfer; desgleichen die Pest im Jahre 1563. Diese Unglücksfälle überwand aber
der in sich nunmehr gefestigte Ort ebenso gut wie die das ganze Land überziehende furchtbare Katastrophe des Tatareneinfalls im Herbst
1656. Nach der Niederlage der verbündeten kurfürstlichen und schwedischen Truppen bei Prostken am 8. Oktober 1656 gegen Polen und
Tataren, vernichteten diese zahlreiche Orte Ostpreußens. Auch Lyck ging in Flammen auf; doch konnten sich die Einwohner rechtzeitig auf die Schloßinsel retten. Die Feinde versuchten vergeblich, diese zu erobern.
1593 wandte sich der Amtshauptmann zugleich namens des ,,Pfarherren « an seinen ,,Fürst« um Verleihung ,,mit guttem Stadtrecht diesem Dorffe oder Flecken Lyck«. Er verweist in diesem Brief auf das Stadtrecht benachbarter Orte wie ,,Marggrabowa oder Oletzko« und auf die Bedeutung der ,,Particular Schule” in L y c k. ,,Denn um dieser ... willen, sindt auch etzliche Vornehmer Littauischer und
Polnischer Herren Kinder vor Ausgang eines Jahres von hinnen aus der schulen genohmen worden, das die Particular-Schulen in ein Dorf geleget worden, in welchem sie Ihre Kinder nicht gedachten zu halten. “ Auch ein Grund für das ,,Stadtrecht“? Lyck erhielt zwar
noch nicht das ,,Stadtrecht“, die ,,Particular“-Schule wurde aber im Jahre 1599 zur ,,Fürstenschule“ erhoben und wurde damit noch bedeutsamer für den Südosten Masurens weit über den Lycker Bezirk hinaus.
Major Melchior von Rippe, der seit 1667 Hauptmann zu Lyck war, wandte sich in einem Brief erneut an den Kurfürsten mit der Bitte um Verleihung des ,,Stadtrechts« (Et.Min.93a2, Nr.4,Bl.6/7). Darin berichtet er u. a. vom ,,Flecken” mit einem jährlichen ,,Zins”-Aufkommen
von 1100 M, davon seien seit 1665 aber an ,,Gontributionen, Servitien und Accise« nur 750 M eingekommen. Die Erhebung zur Stadt würde sich günstig auswirken mit Magistrat, mit Märkten in dem ,,sehr alten Städtchen in der Länge gebauet, allein selber einen großen
Markt hat, in welchem Handell und Wandell getrieben” werde. Daher bat er um ,,Erneuerung des Stadtrechts“, das ja schon 1445 verliehen war, wie es andern benachbarten Städten wie ,,Oletzko, Lötzen und Johannisburg ist (Lyck) gleich diesen an der
Beschaffenheit«.
Nunmehr erhielt L y c k endlich die Anerkennung; der Große Kurfürst vollzog die Erhebung von Lyck zur Stadt mit Urkunde vom 23. August
1669. Das Original dieser Urkunde ist beim großen Brand in Lyck 1688 mitverbrannt. Darauf hat Kurfürst Friedrich III. am 1. Mai 1690 der Stadt eine Abschrift zukommen lassen. Einleitend wird hingewiesen u. a. auf ,,Marktrecht, Jahrmärkte, Handel und Wandel, Brodt- und
Fleisch-Schragen, Fischbänke‘ Badtstuben‘ Bäderreyen und gewiße Krüge zum Brauwerk verliehen, die Gerichte aber nur von einem Schultzen geübt worden”. Für all das, was schon seit langer Zeit in Lyck vorhanden war, wird nunmehr das ,,Stadtrecht” ,,nicht allein
confirmiert und bestätigt, sondern gleich andern Unsern Städten im Lande mit ordentlichem Magistrat und guter Policey-Ordnung versehen«. Dieses Dokument gewährt uns große Einblicke in den damaligen Zustand unserer Stadt. Von den 20 Punkten soll nur das
Wichtigste aufgeführt werden. Anstelle des Schulzen tritt nunmehr ein Bürgermeister mit einem Magistrat bestehend aus 5 ,,Ratsverwandten«; sie erhält auch das Große Gericht, ein Stadtgericht mit 1 Richter und 5 ,,Schöppen”, die ,,Appellation” geht an das Hof-Gericht in Insterburg.
Die 4 Schulzenhufen verbleiben der Familie des jetzigen Schulzen, auch wenn ein neuer Bürgermeister aus anderer Familie erwählt wird. Das im Jahre 1513 verliehene ,,Gerichtssiegel« mit dem Wappenhirsch wird der Stadt Ortelsburg zugeteilt, Ly c k erhält ein neues Stadtsiegel, den
doppelköpfigen Janus mit der in der Stadturkunde festgelegten Inschrift (Ziff.19) ,,Sigillum Givitatis Liccae 1669«.
Die Stadt erhält einen vierten Jahrmarkt (Ziff. 11) auf Montag nach Trinitatis zu den andern drei Jahrmärkten Montag nach Judica, Mariä
Himmelfahrt und Andreas. Die bereits seit 1560 bestehende ,,Markt-Ordnung“ wird bestätigt und erweitert, so z. B. wird bestimmt, daß
fremden Bäckern auch an Markttagen Lyck verboten werde und nur 6 Lycker Bäcker in der Stadt wirken dürften (Ziff.6). Auch für
Handwerker und Innungen enthält die Stadturkunde Regelungen; so ist bei der Stadt eine ,,Rolle“ für Handwerker und zwar für die Meister zu
führen. Die Handwerker werden (Ziff.8) angewiesen, ihr Handwerk viel fleißiger zu betreiben, sich davon ,,zu nähren und vor Brau-Nahrung zurück(zu) halten«; sie dürfen neben dem Handwerk ,,zur Bürgerlichen Nahrung Handel und Wandel treiben«, ,,außer dem Brauen
allein«.
Zu den ,,Krügen“ sagt die Stadturkunde u. a. in Ziff. 9 ,,Da von alters und bishero fünfzig Krüge zum Brauwerk mit Privilegis versehen,
so bleiben dieselbe in ihrer Nahrung, Freyheiten und Berechtigkeiten “ und sollen denn diese fünfzig mit einer Zunft und gewisser
articula zu verfassen zu Mälzenbrauern, wie in andern Städten sich einzurichten. “ ,,Zunftbriefe« waren dem Amt vorzulegen.
Auch die Abgaben haben eine genaue Regelung erfahren; so kann die Stadt das ,,Thorgeld” an den Jahrmärkten zur ,,Unterhaltung der Langen Brücken” behalten. Vom ,,Markt- und Standtgeld” in allen Jahrmärkten soll die Stadt die Hälfte an das Amt abführen.
An ,,Zins auch von Handtwerkern und Instleuthen” hat die Stadt jährlich an das Amt abzuführen eintausendvierhundertzweiunddreißig
Mark 49 Groschen und 1 Scheffel Weizen, 1 Scheffel Korn, 3 Scheffel Hafer, 1 Pfund Wachs.
Zwei Ziffern befassen sich mit Vorsorgemaßnahmen gegen Feuersbrünste; so sollen alle Bürgerhäuser, besonders die Bräu- und
Mältz-Häuser mit Schornsteinen aus gebrannten Ziegeln ausgestattet sein, die Dächer sollen ,,mit Dachsteinen“ belegt werden; es wird dort
empfohlen, grundsätzlich für Bauten vor allem für Scheunen Ziegeln zu verwenden. Der Stadt wird in Ziff. 17 auferlegt, besonders vor
Festtagen, alle Häuser auf mögliche Brandschäden zu untersuchen und für das Fegen der Schornsteine zu sorgen.
Der Magistrat wird in Ziff. 18 verpflichtet, eine ,,Stadt-Willkühr“ zu erlassen und in dieser Rechte und Pflichten der Bürger festzulegen und sie
immer wieder auf ihre Verpflichtung zur gegenseitigen Hilfeleistung aufmerksam zu machen.
Aus der im Jahre 1670 vom Magistrat erlassenen ,,Willkühr“, der Verfassung der Stadt ist unter den zahlreichen Bestimmungen Ziff. 18
besonders interessant; diese bestimmt, daß kein ,,Undeutscher“ im Rat und Gericht aufgenommen werden dürfe; hier ist offenbar, daß Lyck als deutsche Stadt gegründet bzw. wiedergegründet worden ist.
Die Zunahme des deutschen Elements in Lyck hatte bereits zur Einführung der deutschen Predigt seit 1587 auf Anordnung des
pomesanischen Bischofs Wigand geführt; im Jahre 1612 ging in dem deutschen Gottesdienst erstmalig der Klingelbeutel herum.
Professor Christophorus Hartknoch vermittelt uns einen, wenn auch in manchem nicht genauen, Bericht der Stadt Lyck im Jahre 1684 mit
einem schon erwähnten Bild aus dem Jahre 1595. Die ,,strohgedeckten Häuser, enganeinander gerückt, die schmale Giebelseite dem Verkehr
zugewandt, begleiten zu beiden Seiten die einzige Straße“, die spätere Hauptstraße, dann die Kaiser-Wilhelm-Straße, vom ,,Polnischen Tor“
(im Süden am Lyckfluß) an der Flußbrücke bis zum ,,Deutschen Tor“ (im Norden) am ,,Blutgraben”, der im Verlauf der heutigen Drummstraße
am Ende des Philosophendammes das Wasser des ,,Blutteiches“ zum See führte. Das heutige ,,Töpferende“ war zu der Zeit noch nicht bebaut.
Eine schützende Mauer hat unsere Stadt nie besessen; sie war ein ,,offener Ort“. Die beiden Tore zeigten nur die Ausgangsstraßen an.
Keine 20 Jahre nach der Stadtwerdung wurde Lyck von einer verheerenden Feuersbrunst heimgesucht. Hierüber berichtet der
Amtshauptmann zu Lyck an den Kurfürsten unter dem 19. März 1688 (Et.Min.93f2 Nr.2): ,,Bey einem Bürger in dem Städtlein Lyck ist
ein Feuer ausgekommen, welches sehr schleunig bey dem damals großen Sturm die Kirche mit den Glocken, die Widdem,
Caplaney, Provinzialschule, das Rath-Haus nebst zwey und achtzig Bürgerhausern und fünfzehn BrauHäusern in Asche gelegt hat. Auch die Mühle ist bis auf die Mauern abgebrannt. Dadurch ist in Lyck große Not entstanden.“
Der Amtshauptmann Andreas von T r o s c h k e bat den Kurfürsten um Erlaß der ,,Contribution und Einquartierung«, um Bauholz und Mauer- und Dachziegel ohne
Entgelt. Kurfürst Friedrich III. bewilligte Bauholz und Ziegel kostenlos und ordnete an, daß die Bürger von Lyck, deren Häuser nicht
abgebrannt waren, Zinsen abführen sollten, diese Gelder aber für Bauten der abgebrannten Anwesen vom Magistrat eingesetzt werden sollten.
Diese Hilfe und der ungebrochene Elan der Lycker Bürger vermochten die furchbaren Schäden rasch zu beseitigen. Das besagt jedenfalls ein Bericht über Lyck aus dem Jahre 16926): ,,An Häusern sind vorhanden: 193 bebaute Häuser, darunter
13 etwas baufällig und klein, 23 wüste Stätten, 7 Brauhauser. Die Häuser haben gemauerte Schornsteine, aber nur Strohdach. Die Stadt hat 4 Jahrmärkte, alle
Woche einen guten und volkreichen (Wochen-)Markttag und eine Malzbräuerzunft von 50 Krügen. Allhier ist ein Fleischer,
kommen aber Sonnabend und Montag Freischlächter herein. Fischereiseen sind allhier zwar genug herum, aber nicht fischreich, daher knapp ist es auch an Fischen an diesem Ort. Brunnen sind 3 in der Stadt; Brücken sind 2,
eine über den Fluß bei der Stadt, eine über den faulen Bach. Wiesenwachs ist hier schlecht und suchen sie das benötigte Heu hinter der Grenze. “ Pogoda sagt hier weiter: ,,Der außerordentlich rege Handelsverkehr beschränkte sich nicht nur auf die umliegenden Amter; lange
Wagenkolonnen brachten die Landesprodukte nach Königsberg, mit Kaufmannsgut beladen kehrten sie heim; hier warteten schon polnische Fuhrleute, um die Ware über die Grenze in ihren Wagen zu befördern. «
Ein ,,Krauthaus“ wird neben,,Brot-, Fleisch- und andern Bänken” erwähnt. 1671 waren 44 Handwerker in Lyck selbst, im Amtsbezirk
außer Lyck 56, tätig; diese hatten gemäß der Anordnung der Stadt-Urkunde ,,Zünfte” gebildet, so Bäcker, Schneider, Schuhmacher, Schmiede und Töpfer.
Da traf L y c k ein neuer schwerer Schlag; am 15. Juli 1695 ein neuer Großbrand. Nach dem Bericht des gleichen Amtshauptmanns Andreas
von T r o s c h k e an Kurfürst Friedrich III. heißt es u. a. ,,In der Stadt Lyck sind am 15. Juli 1695 gegen 6 Uhr Nachmittag durch ein
grausahmes Feuer 29 Wohn-Häuser, Krüge, 2 BrauHäuser und 13 Scheunen, mit allem was darinnen gewesen, völlig eingeäschert.
Die Stadt besteht nur in einer Straße, die Häuser mit Stroh-Dächern, desgleichen die Scheunen, Schuppen und Brau-Häuser. Doch
auch ein Krug mit guten Dachsteinen, der mitten unter den Holzhäusern mit strohgedeckten Dächern stand, ist abgebrannt.” In der beigefügten Aufstellung des Amtshauptmanns zu Lyck sind allein 14 ,,Mältzenbräuer-Häuser« als abgebrannt gemeldet.
Kurfürst Friedrich III. führt den Brandschaden in Lyck auf die Bauweise von Holzhäusern mit strohgedeckten Dächern zurück und auf den
Ausbau in nur einer Straße; er ordnet an, der Magistrat soll ,, die vorhandenen Strohdächer wegräumen laßet und die Häuser mit
Dachziegel gedecket, gute Schornsteine ausführet”. ,,Scheunen und Schuppen aber auch die Mältz- und Brau-Häuser, die leicht in Brandt geraten, außerhalb der Stadt gebauet werden möge (Brief vom 1. Sept. 1695 Kurfürst an Amtshauptmann.) (Et.Min.93f2, Nr.4).
Der Amtshauptmann bat auch jetzt wieder um Befreiung vom Zins für die Bürger der abgebrannten Häuser und um Zuteilung von Bauholz,
Mauer- und Dachsteinen sowie um Kalk. Diese Wünsche wurden erfüllt. Nunmehr wurden die Häuser, wie ein Bericht von 1700 zeigt, mit
Ziegeldachpfannen bedeckt, auch die neuerbaute Kirche erhielt eine ,,Ziegelbedachung“. Das Rathaus wurde erst 1745 für 638 Taler neu errichtet.
Im 17. Jahrhundert war die ,,Fürstenschule“ in äußerste Bedrängnis geraten, einmal durch den Tatareneinfall 1656, zum andern durch den
verheerenden Brand 1688; hierbei brannte auch das nahe der Kirche stehende Schulgebäude mit der wertvollen Bibliothek aus. Der
Schulunterricht wurde in Räume des Schlosses auf der Insel verlegt, mußte aber dort wegen Baufälligkeit des Gebäudes in ein Gartenhäuschen
umgesetzt werden. Daraus drohte dem Verbleib dieser Schule Gefahr. Der Preußische Landtag schlug 1698 dem Kurfürsten die Verlegung der
,,Fürstenschule“ nach R a s t e n burg vor. Dieser lehnte dieses Ansinnen ab und ordnete den Neubau der Provinzialschule in Lyck an. 1704 begann der Bau eines festen Schulgebäudes, das 1707 eingeweiht werden konnte.
Doch ist nicht zu verkennen, daß die Stadt L y c k nach dem zweiten verheerenden Brand 1695 nicht mehr den Schwung früherer Jahre
hatte. Das mag auf die große Armut vor allem der bäuerlichen Bevölkerung auch jenseits der Grenze zurückzuführen sein.
Da traf die Stadt L y c k mit weiten Teilen Ostpreußen erneut ein furchtbarer Schicksalsschlag; die Pest raffte allein in Lyck von 2000
Einwohnern 1300 hin. Weite Landstriche wurden nahezu menschenleer. Das traf die Stadt und deren Wirtschaft schwer.
Auch das Glanzstück geistigen Lebens, die ,,Fürstenschule“ lag danieder; erst energische Maßnahmen des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm
1. sorgten für Besserung des geistigen und wirtschaftlichen Lebens. Doch ist unverkennbar, daß die Stadt Ly c k zunächst nicht mehr die
überragende Stellung früherer Zeit zurückgewann. Andere benachbarte Städte kamen mehr und mehr auf.
1740 hatte L y c k insgesamt 1048 Einwohner, darunter sind besonders aufgeführt 2 Tuchmacher und 1 Hutmacher. ,,In der Stadt sind 129
Ziegeldächer, 9 Stroh- und Schindeldächer. In der Stadt sind einquartiert: 2 Kompanien Infanterie des Regiments von Glaubitz und ein Kommando-Husaren, sowie eine Kompagnie vom Kavallerie-Regiment von Buddenbrock.“
Mit der ständigen Anwesenheit von Soldaten, unter denen sich auch Angehörige aus verschiedenen deutschen Ländern und westlichen
Provinzen des preußischbrandenburgischen Königreiches befanden, erfuhr die Stadt einen kräftigen Auftrieb in wirtschaftlicher und kultureller
Hinsicht. Das deutsche Element wurde weiter gestärkt; deutsche Handwerker und Kaufleute traten neben deutschen Offizieren und Soldaten in L y c k in Erscheinung.
Zwar brachte die russische Besetzung in den Jahren 1758 - 1762 im Verlaufe des siebenjährigen Krieges (1756 - 1763) einen zeitweiligen Stillstand der weiteren Entwicklung.
1764 wurde in Ly c k die erste privilegierte Apotheke eingerichtet.
Für die Fortentwicklung aber sorgte General Heinrich Johann von G ü n t h e r. Dieser verlegte sein Hauptquartier seines
Bosniaken-Regiments von Goldap nach Lyck im Jahre 1788. Hier blieb er bis 1795. Die Stadt, die 1782 insgesamt 1810 Einwohner hatte,
erlebte einen erneuten kulturellen und wirtschaftlichen Aufschwung. Es hatte aber noch eine sehr bedrohliche Zeit 1794 durch aufständische
Polen zu bestehen. Im Sommer 1794 gelang es General Günther mit seinen vorzüglich von ihm ausgebildeten Truppen die von den
aufständischen Polen, den sogenannten ,,Conföderierten“ bedrohte Grenze zu schützen und diese, die von regulären polnischen Truppen
verstärkt waren, bei D e m n i k i zu schlagen; damit war die große Gefahr für Lyc k gebannt.
General Günther‘ s Anliegen war die Ausstattung der Garnisonschulen für die Soldatenkinder. Hierbei half ihm der Lycker Erzpriester
Gesevius. Der General unterstützte begabte Kinder, damit sie auf die Lycker ,,Provinzialschule“ gehen konnten.
Nach der 2. und 3. Teilung Polens 1793 und 1795 mit dem Anschluß von Neuostpreußen und der Besetzung dieser neuen Gebiete mit
preußischen Truppen trat insoweit ein Notstand ein, als die Schulen für die Soldatenkinder auch Lehrer brauchten. Da allgemein in Ostpreußen
Mangel an ausgebildeten Lehrern herrschte, setzte General Günther die Errichtung eines ,,Schullehrerseminars“ in L y c k durch. Diese Anstalt
wurde Erzpriester Gisevius unterstellt, Rektor Wollner und seine Lehrer von der Fürstenschule hielten den Unterricht. Die Schüler,
Präparanden, kamen meist aus Neuostpreußen. Bereits 1801 wurden die ersten 10 ausgebildeten Lehrer an Garnisonschulen in Neuostpreußen angestellt.
1798 besuchte König Friedrich Wilhelm III. auch die Stadt Lyck. Noch immer bestand die Stadt Lyck aus einer einzigen Straße, wo sich alles abspielte
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