Herzogenzeit
Schweden+Tataren

Zwischen den Mühlsteinen
Schweden und Tataren

     Ostpreußens größter Findling ist der neun Meter lange Tatarenstein bei Neidenburg. Einen Tatarensee gibt es bei Lyck, einen Tatarenweg zwischen Hohenstein und Passenheim. Alle diese Bezeichnungen erinnern an einen Zeitabschnitt, der zu den furchtbarsten der ostpreußischen Geschichte gehört. Ungeachtet seiner Kürze hat er eine lange Vorgeschichte, in die auch das Schicksal anderer Landesteile verflochten ist.

   Kurfürst Johann Sigismund, der seit 1608 in Brandenburg-Preußen regierte, hatte schon die Vormundschaft für den geistesschwachen Herzog Albrecht Friedrich, die Belehnung mit Preußen und die Anerkennung seines Erbanspruchs nur durch Zugeständnisse an Polen und die Stände erreichen können. Auch die Belehnung seines schwachen Sohnes Georg Wilhelm, der ihm 1619 in der Regierung folgte, war nur unter Schwierigkeiten zustandegekommen und eigentlich nur dadurch, daß Polen auf Bundesgenossen oder zumindest wohlwollend Neutrale angewiesen war. In Schweden war nämlich im Jahre 1611 auf Karl IX. König Gustav Adolf gefolgt, er hatte den in Livland schon seit 1604 geführten Krieg gegen Polen wieder aufgenommen. So mußte Sigismund seinen Plan aufgeben, der vorsah, nach dem Erlöschen der preußischen Hohenzollernlinie mit dem Tode Herzog Albrecht Friedrichs (1618) das Herzogtum Preußen als erledigtes Lehen einzuziehen, dem eigentlichen Polen zuzuschlagen und es zu rekatholisieren.

   Mittlerweile hatte aber auch die Union der evangelischen deutschen Fürsten erkannt, welche Rolle Polen als östlicher Vorposten der Gegenreformation spielte, und begann sich um Gustav Adolf zu bemühen. Dieser fühlte sich als Bundesgenosse der deutschen Glaubensbrüder, wie er schon 1614 Gesandten der Union erklärt hatte, die ihn auf dem Kriegsschauplatz in Estland auf suchten. Und er hatte hinzugefügt, wenn er gegen Polen kämpfe, sei das sein Anteil an dem Kampf gegen den erstarkten Katholizismus.

   Wiederholt erwog der Schwedenkönig ein Eingreifen in Deutschland, in dem seit 1618 der Dreißigjährige Krieg wütete. Es gelang jedoch nicht, eine gemeinsame protestantische Front in Deutschland zustandezubringen, Zu den Unsicherheitsfaktoren gehörte nicht zuletzt des Königs eigener Schwager, Kurfürst Georg Wilhelm von Brandenburg-Preußen, mit seiner kaiserfreundlichen Haltung, ebenso auch der Kurfürst von Sachsen.

     Dennoch sah sich der Schwede schließlich zum Kriegseintritt genötigt, denn mit dem Eindringen Wallensteins und Tillys in das evangelische Norddeutschland geriet die evangelische Front ins Wanken. Gleichzeitig begannen die kaiserlichen Gedanken an eine habsburgische Ostseeherrschaft Gestalt anzunehmen. Wien nahm Verhandlungen mit den Hansestädten über die Gründung einer habsburgischen Flotte auf, desgleichen mit Polen über die Stellung eines Hilfsgeschwaders, für das Sigismund in Danzig schon Schiffe bauen ließ. Ihm konnten angesichts seiner schwedischen Ambitionen die Wiener Pläne nur recht sein.

   Stand das katholische Habsburg aber erst einmal an der Ostsee, so war das evangelische Schweden bedroht. Dem wollte Gustav Adolf zuvorkommen. Preußen erschien ihm als Ansatzpunkt besonders geeignet, weniger aus verwandtschaftlichen als aus Gründen des Volkscharakters. Man wußte am Stockholmer Hof, daß Preußen trotz polnischer Lehnsherrschaft deutsch und evangelisch war und sich die Polen und ihre Einmischungsversuche nach Möglichkeit vom Halse hielt. Die benachbarte Hansestadt Danzig zudem beherrschte wohl den polnischen Handel, nahm aber zugleich im Widerstand gegen Polen eine führende Stellung ein.

   Kurfürst Georg Wilhelm hatte durch Lavieren und Neutralitätserklärungen sein kleines Land aus dem Krieg herauszuhalten gesucht. Er fühlte sich zu schwach, um eindeutig Stellung zu beziehen. Dazu kam der starke prokatholische Einfluß seines Staatsministers, des aus Wien gekommenen Grafen Schwarzenberg, der die kurfürstlichen Entscheidungen oft genug im Sinne Habsburgs beeinflußte. Es fehlte im übrigen auch nicht an Hinweisen aus Wien auf die mögliche Entziehung der Kurwürde, sollte Georg Wilhelm sich nicht des Wohlverhaltens im kaiserlichen Sinne befleißigen.

   Als jedoch Wallenstein die Mark zu bedrohen begann und die auf der kaiserlichen Seite stehenden Polen wiederholt in das Herzogtum Preußen einfielen, sah sich selbst der ewig schwankende Georg Wilhelm genötigt, wenigstens zum Schutze des eigenen Landes Truppen aufzustellen. So entstand im Mai 1626 als ältestes stehendes Regiment der brandenburgisch-preußischen Armee das Regiment Hillebrandt von Kracht, das spätere Grenadierregiment König Friedrich der Große Nr. 4 in Rastenburg.

   Vier Wochen darauf, am 26. Juli 1626, landete Gustav Adolf mit seiner Armee in Pillau, das damals wenig mehr als eine gerade erst angelegte und nur schwach besetzte Feldschanze war. Rasch drangen die schwedischen Truppen nach Westen vor. Binnen weniger Tage fielen kampflos Braunsberg, Marienburg, Dir-schau und Elbing, wo der König seine Residenz aufschlug. Elbing war zu jener Zeit eine wohlbefestigte Stadt, die gleichwohl ihre Tore ohne Widerstand den Schweden öffnete. Ihr Bürgermeister Peter Jungschulz leistete wenig später den Treueid auf den Schwedenkönig und arbeitete mit ihm und seinem Kanzler Oxenstierna eng zusammen.

   Im allgemeinen hielten die schwedischen Truppen eiserne Disziplin und waren bei der Bevölkerung beliebt. Im Ermland jedoch verfuhren sie nicht zimperlich: Es war ja gewissermaßen Feindesland, denn auf dem Stuhl des Fürstbischofs saß der polnische Königssohn Johann Albert, und zudem befand sich in Braunsberg das Kolleg der verhaßten Jesuiten, eine Hochburg der Gegenreformation, in der Missionare für die Tätigkeit in Skandinavien ausgebildet wurden. So packten die Schweden ohne viel Federlesen Kirchenschätze, wertvolle Bücher und Gemälde zusammen und verfrachteten sie als Kriegsbeute nach Stockholm. Man ertrug das, denn mehr und stärker hatte das Land zu leiden, wenn König Sigismunds Soldaten auftauchten.

   Nur Danzig hielt stand. Zwar war die Stadt nicht gerade polenfreundlich, wollte es im Interesse ihres Handels aber nicht mit Sigismund verderben. Gustav Adolf wußte sich vorerst zu helfen. Er ließ den Danziger Hafen blockieren und an der östlichen Weichselmündung, dem sogenannten Danziger Haupt, Seezölle erheben, die ihm wie in Pillau erhebliche Summen einbrachten.

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