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Unter dem Doppeladler

   Anno 1697 hatten die Königsberger zum ersten Mal Gelegenheit gehabt, eine größere Anzahl Russen in ihren Mauern zu sehen: Seine Durchlaucht Friedrich III., Kurfürst zu Brandenburg, Herzog in Preußen, hatten Seine Majestät Zar Peter 1. von Rußland, später der Große genannt, zu einem Staatsbesuch eingeladen, und am 28. Mai hatte der Herrscher aller Reußen mit einem mehr als 300 Personen zählenden Gefolge und viel fremdartig wirkendem Pomp seinen Einzug in die Stadt am Pregel gehalten. Natürlich fühlten sich die Königsberger geschmeichelt. Aber bald hatten sie auch Anlaß, über den fremden Gast die Köpfe zu schütteln, denn es blieb nicht bei dem, was manchmal in Geschichtsbüchern zu lesen steht: Daß nämlich der Zar an den Westfenstern des Moskowitersaals im Königsberger Schloß gestanden und sinnend nach Westen auf die Pregelmündung und das irgendwo dahinter liegende Meer geblickt habe — gewissermaßen im Vorgriff auf den eisfreien heutigen Hafen Kaliningrad.

   Nein, dieses zwei Meter lange russische Mannsbild mischte sich auch unters Volk. Und eines Tages, so erzählte man sich, schoß er auf eine wohlhabende Bürgersfrau zu, die offen und gewissermaßen als Schmuck etwas zur Schau trug, was damals noch keineswegs eine Selbstverständlichkeit war: eine Taschenuhr nämlich. Der Zar begehrte die Uhr zu sehen, untersuchte sie gründlich, und nur zögernd gab er sie der zitternden Bürgersfrau zurück. Da war auch noch eine andere Geschichte, die Lakaien aus dem Schloß herausgetragen hatten: Hatte beim Festbankett doch ein Diener eine Zinnkanne so ungeschickt zu Boden fallen lassen, daß es einen heftigen Knall gab. Worauf der Zar in höchster Erregung aufsprang und blankzog, weil er an ein Attentat dachte. Vom Kurfürsten forderte er die Todesstrafe für den Unglücklichen, die er selbst durch Rädern vollstreckt sehen wollte, weil ihm diese Hinrichtungsart noch nicht bekannt war. Und als Kurfürstliche Durchlaucht befremdet erwiderte, in Preußen sei es nicht üblich, einen Menschen solcher Lappalie wegen grausam ums Leben zu bringen, bot der Zar sofort aus seinem Gefolge einen beliebigen Russen, um endlich das Rädern erleben zu können.

   Man sprach in Königsberg noch lange von diesem Besuch. Aber im Grunde war man froh, ihn wieder los zu sein.

     Im Sommer 1746 hatten Osterreich und Rußland ein Verteidigungsbündnis abgeschlossen, das sich gegen Preußen richtete. In einem - schon damals üblichen - geheimen Zusatzabkommen war festgelegt, daß beide Länder im Falle eines preußischen Angriffs gemeinsam die Rückeroberung Schlesiens betreiben wollten. Treibende Kraft dabei war Bestuschew, seit 1744 Großkanzler des russischen Reiches. Ihm war Preußen ein Dorn im Auge, sah er doch in diesem Staat mit seinen stabilen Verhältnissen den Kern eines möglichen Widerstandes gegen die Bestrebungen Rußlands, sich nach Westen auszudehnen. So war es ihm ein Herzensanliegen, alles zu tun, was die Abmachungen des geheimen Zusatzabkommens auslösen konnte.

     Friedrich der Große wußte von der Zusatzklausel vorerst nicht, hatte aber auch nicht die Absicht, sich provozieren zu lassen. »Ich werde künftig«, so hatte er bei der Heimkehr aus dem zweiten Schlesischen Krieg einem Diplomaten erklärt, ,,keine Katze mehr angreifen. Ich will nun endlich mein Leben genießen.«

   Es kam anders.

   In Amerika standen sich England und Frankreich als Gegner gegenüber. Beide Länder begaben sich auf die Suche nach Bundesgenossen, wobei es England insbesondere um die Sicherung seines deutschen Gliedstaates Hannover gegen einen möglichen französischen Angriff ging. Zu einem solchen Überfall war König Friedrich von Frankreich aufgefordert worden, hatte aber abgelehnt mit dem Hinweis auf die Preußen selbst drohenden Gefahren. Seit 1753 wußte er von dem Petersburger Zusatzabkommen.

   England verhandelte sowohl mit Rußland als auch mit Preußen. Rußland bot es Subsidiengelder, wenn dafür der Zar ein 50 000 Mann starkes Hilfskorps zur Sicherung Hannovers stellte. Von Preußen wünschte es Neutralität bei einem französischen Angriff auf Hannover. Während Bestuschew auf Englands Wünsche einging und im September 1757 der entsprechende Vertrag unterzeichnet wurde, war der Preußenkönig zunächst einer Entscheidung ausgewichen. Als Friedrich jedoch Kunde von dem britisch-russischen Vertrag erhielt und weiterhin die Nachricht, daß man im Oktober in Petersburg die Kriegsbereitschaft gegen Preußen erklärt hatte, schloß er im Januar 1756 mit England die Konvention von Westminster ab, die die Neutralität Preußens zum Inhalt hatte. Die Gedanken des Königs gingen dahin, daß es England gelingen werde, eine Annullierung der russischen Kriegspläne zu erreichen, und daß Osterreich al lein dann keinen Angriff wagen werde.

   In Wahrheit hatte Friedrich mit dem Abschluß der Westminster-Konvention Frankreich erheblich verstimmt — was (Österreichs Staatskanzler Graf Kaunitz geschickt ausnutzte, mit dem Hintergedanken der völligen Auflösung Preußens nun ein Defensivbündnis auch mit Frankreich abzuschließen. Fast gleichzeitig richtete er an Rußland die Anfrage, ob es noch in diesem Jahre 1756 zum Krieg mit Preußen bereit sei.

   Rußland war bereit. Die russische Staatskonferenz beschloß den Angriff und die Eroberung Ostpreußens. Für Kaunitz in Wien war das »die vergnüglichste, alle Hoffnungen übertreffende Nachricht«. Da aber die Verhandlungen mit Paris noch liefen, bat er Rußland, den Angriff um ein Jahr zu verschieben. Die Armeen der Zarin Elisabeth, die bereits im Aufmarsch waren, wurden daraufhin angehalten. Friedrichs Hoffnung, den Konflikt vermieden zu haben, hatte getrogen — wie er sich eingestand, als er im Mai über die neue Entente zwischen Osterreich und Frankreich informiert wurde. So begann er zu rüsten, und zwar so, daß man es unmöglich übersehen konnte, wobei er noch immer die Hoffnung hegte, mit der Bekundung seiner Entschlossenheit den Einkreisungsring sprengen zu können.

   Da begannen im Juni die Nachrichten über den russischen Aufmarsch einzulaufen. Während er bereits in Urlaub weilende Offiziere zurückrufen ließ, hieß es wieder, die Russen hätten ihren Aufmarsch abgebrochen. Fast zur gleichen Zeit aber wurden auch in Osterreich verstärkte Rüstungen und Truppenkonzentrationen in Böhmen festgestellt, die nichts Gutes verhießen.

     König Friedrich sah nun keine Möglichkeit mehr, seinem Land den Frieden zu erhalten: »Es bleibt mir nur mehr übrig, zuvorzukommen, bevor ich überrascht werde! « Dieser Ende Juli getroffenen Entscheidung folgte Anfang August die Mobilmachung, Ende des gleichen Monats der Kriegsbeginn. Die Befehlshaber in Ostpreußen und Schlesien hatten schon Wochen zuvor besondere Instruktionen für den Ernstfall erhalten. In einem Schreiben vom 23. Juni hatte der König selbst den Königsberger Befehlshaber angewiesen, alle Kräfte des Landes zur Verteidigung heranzuziehen. Dabei hatte er auch auf die Bewaffnung der Landbevölkerung hingewiesen.

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