Ostpreußen
unter dem 
 Dopppeladler
Es geht um 
 Preussen
Preussen  
 frist mir auf
3 Teilungen 
 Polens
Napoleon

Zu Boden geschmettert

Es geht um Preußen

   Seit dem Tod Friedrichs des Großen hatte sich manches geändert in Preußen. Territorial hatte der Staat sich wohl ausgedehnt, als er 1791 durch Erbgang die fränkischen Markgrafschaften Ansbach und Bayreuth erhalten hatte und in den polnischen Teilungen von 1793 und 1795 neben Thorn und Danzig weite Gebiete Polens. Militärisch hatte er sich seit 1792 erfolglos am Krieg der Großmächte gegen das revolutionäre Frankreich beteiligt, dann aber 1795 den Frieden von Basel geschlossen, in dem er seine linksrheinischen Beziehungen an Frankreich abtrat. Preußen sollte dafür rechtsrheinisch entschädigt werden, was auch 1803 geschah, als es nach der Säkularisation zwischen Münster und dem Eichsfeld eine Reihe West- und mitteldeutscher Territorien bekam. Im übrigen hielt es sich seit Basel aus der europäischen Auseinandersetzung mit Frankreich heraus.

   Im Lande selbst hatte sich die Erstarrung breitgemacht man ruhte sich auf den Lorbeeren des Alten Fritz aus. Seine beiden Nachfolger, Friedrich Wilhelm II, und Friedrich Wilhelm III., waren nicht die rechten Persönlichkeiten, um sein Werk fortzusetzen. Der alte König hatte es vorausgesehen, als er eines Tages seinem Minister Hoym erklärte: »Ich werde Ihm sagen, wie es nach meinem Tode gehen wird. Es wird ein lustiges Leben bei Hofe werden. Mein Neffe wird den Schatz verschwenden, die Armee ausarten lassen. Die Weiber werden regieren, und der Staat wird zugrunde gehen.« Das letztere sollte allerdings erst unter Friedrich Wilhelm III. erfolgen.

   Niemand dachte daran, Konsequenzen aus der Französischen Revolution zu ziehen und durch zeitgemäße Reformen dafür zu sorgen, daß dem eigenen Land tiefgreifende Erschütterungen erspart blieben. Niemand auch dachte daran, die Armee neu zu organisieren und der französischen Taktik anzugleichen, deren Erfolge seit einem Jahrzehnt auf der Hand lagen. Man lehrte den preußischen Grenadier, wie Hermann von Boyen in seinen Erinnerungen schreibt, »unter saurem Schweiß die alten Kunststücke, die zur Not auf dem Exerzierplatz, nicht aber auf dem Schlachtfeld gelingen konnten. Die veränderte Komposition der französischen Heere, die vermehrte Anzahl der Geschütze, dies alles konnte man nicht mit einem künstlichen Pelotonfeuer besiegen«.

   Die früher oft grausame Behandlung der Soldaten wurde zwar milder, aber man verstand es nicht, die Soldaten gleichzeitig bei ihrer Ehre zu packen. Zugleich erschlaffte die Armee, denn die Befehlshaber waren vielfach überaltert und ließen es an der notwendigen Dienstaufsicht fehlen. So mancher Kommandeur und mancher Kompaniechef konnte infolgedessen ungestraft Geschäfte mit eingesparten Rationen und dergleichen machen. Die Herren zeigten allein deshalb die größte Angst vor einem kommenden Krieg, weil dann diese Geschäfte aufhören und sie nur auf ihr Gehalt angewiesen sein würden. Aus Ersparnisgründen wurde fast nie mit scharfer Munition geschossen. Dafür wurden um so gründlicher die Gewehre poliert, so daß ein Regimentskommandeur kurz vor Ausbruch des Krieges von 1806 befürchtete, beim ersten scharfen Schuß würden die dünngeputzten Gewehrläufe seinen Männern um die Ohren fliegen.

   Nur wenige erkannten, daß angesichts der Machtansprüche Napoleons die große Auseinandersetzung unausweichlich kommen mußte. »Alle übrigen«, so wieder Boyen, »glaubten sich mehr oder minder berufen, die überlebten Einrichtungen und einzelne Standesinteressen zu schützen, und gaben dadurch den traurigen Beweis, daß es in diesem Kreise damals keinen Kopf gab, der die Zeit und ihre Bedürfnisse zu würdigen verstand.«

   Auch der Thronwechsel brachte keine Änderung. Friedrich Wilhelm III. war eine zaudernde und schwankende Natur, die heute so und morgen anders entschied. Das zeigte sich im Herbst 1805, als Napoleon durch das preußische Ansbach marschierte, um die verbündeten Osterreicher und Russen bei Ulm anzugreifen. Damit war die Neutralität Preußens verletzt. Wenn der Kaiser auch anschließend versicherte, er habe das nur getan, weil er den König bereits als seinen Verbündeten betrachtete, so war es doch eine öffentliche Demütigung Preußens — von der man im nüchtern denkenden Paris wußte, daß man sie sich ungestraft erlauben konnte. Besagte doch eine Preußen-Analyse des Auswärtigen Amtes, im November 1805, eine Woche vor Austerlitz, fertiggestellt:

   »Von allen heute existierenden Mächten ist Preußen diejenige, welche beim besseren Äußeren und schönsten Aussehen von Festigkeit und Kraft die am weitesten im Verfall fortgeschrittene ist. Preußen befindet sich außerhalb des Prinzips, welches es gegründet hat und welches es existenzberechtigt macht. Es entfernt sich alle Tage mehr davon... Sein Prestige, einige Zeit noch durch frische Erinnerungen und Schaumanöver aufrechterhalten, wird einer gefährlichen und verhängnisvollen Probe eines aufgezwungenen Krieges nicht widerstehen. An dem Tage, an welchem es alle schamvollen Ausflüchte einer ängstlichen Politik, welche den Krieg vermeiden will, vergeblich gesucht hat, wird es zu gleicher Zeit um seine Ehre und um seine Existenz kämpfen. An dem Tage, an welchem es eine erste Schlacht verloren hat, wird es aufgehört haben zu bestehen.« Friedrich Wilhelm III. ließ auf die Nachricht vom französischen Marsch durch Ansbach mobilmachen. Zugleich schickte er den Minister Graf Haugwitz, ausgerechnet einen Verehrer Napoleons, mit einem Brief zum Kaiser der Franzosen. Dieser Brief wurde als »bewaffnete Vermittlung“ betrachtet: Napoleon solle die italienische Königskrone niederlegen, er solle ferner Deutschland, Neapel, Holland und die Schweiz räumen, weil Preußen sonst auf der Seite Osterreichs und Rußlands in den Krieg eintreten werde.

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