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Napoleon
Wenige Tage vor Weihnachten des Jahres 1811, am 19. Dezember, ließ Napoleons Sekretär Méneval dem kaiserlichen Bibliothekar Barbier eine Notiz zukommen: ,,Ich bitte Herrn Barbier, mir für seine Majestät einige gute Werke zu schicken, welche am geeignetsten sind, über die Topographie von Rußland und besonders von Litauen in bezug auf Sümpfe, Flüsse, Wälder, Wege usw. Auskunft zu geben. Seine Majestät wünscht auch das Ausführlichste, was wir über den Feldzug Karls XII, in Polen und Rußland in französischer Sprache haben, zu erhalten. Einige Werke über militärische Operationen in diesen Ländern wären gleichfalls nützlich.“
Diese Notiz war neben einem Gespräch Napoleons mit seinem Großstallmeister Caulaincourt, soeben als Gesandter aus St. Petersburg zurückgekehrt, das erste Wetterleuchten jenes Krieges, der die Vernichtung der Großen Armee und den Sturz Napoleons, aber zugleich auch die Erhebung Preußens nach sich ziehen sollte. Für Ostpreußen, das bisher schon am schwersten von allen preußischen Provinzen unter der napoleonischen Herrschaft gelitten hatte, sollten jedoch zuvor noch einmal harte Wochen kommen. Denn Ostpreußen bildete neben Teilen des Großherzogtums Warschau die Aufmarschbasis für die 556 000 Soldaten, die unter der Führung Napoleons und seiner Marschälle im Juni 1812 in Rußland einfielen. Nur 241 000 von ihnen waren Franzosen, die übrigen Hilfstruppen aus den meisten Ländern Europas. Zu ihnen zählte auch ein preußisches Korps von 20000 Mann, zunächst von General Grawert, dann von dem »alten Isegrim« General von Yorck geführt.
Im Grunde zeigte keine der beiden Parteien übermäßige Begeisterung für diesen Krieg. Es hatte sich aber erwiesen, daß es nicht weit her war mit der in Tilsit beschworenen französisch-russischen Freundschaft, die dem Verlierer Alexander damals sogar Gebietszuwachs im Raum Bialystok eingebracht hatte. Napoleon hatte diese Freundschaft anfangs zumindest als für den Rest seines Lebens als gesichert angesehen, doch mittlerweile waren beide Seiten verärgert übereinander.
Einer der Gründe Napoleons war ganz persönlicher Art: Nach der Scheidung von Josephine, die ihm keinen Thronerben schenken konnte, hatte er in Petersburg anfragen lassen, ob es genehm sei, ihm die Großfürstin Anna, des Zaren vierzehnjährige Schwester, zur Frau zu geben. Darauf war der ganze Petersburger Hof in Aufruhr geraten und Alexander selbst hatte hinhaltend reagiert. Der Zar hatte sich außerdem ziemlich schnell wieder aus der von Napoleon gegen England verhängten Kontinentalsperre gelöst, weil Rußland auf den Handel mit England angewiesen war wie umgekehrt England auf Rußland, dessen Holz, Flachs und Hanf es für seine Flotte benötigte, die seit zwanzig Jahren im Kampf gegen Frankreich stand. Und der Zar hatte sich zwar als Verbündeter Napoleons 1809 am Krieg gegen Osterreich beteiligt, aber äußerst lasch, und den Wiener Hof zuvor davon verständigt, daß er nicht die Absicht habe, sich in größerem Umfange zu engagieren.
Der Zar seinerseits ärgerte sich, daß ihm im Westen überall Napoleons Truppen im Wege standen, wenn Rußland sich aus zudehnen versuchte. Er ärgerte sich ferner, weil Napoleon in den norddeutschen Fürstenhäusern Kehraus gehalten und die Regenten von ihren Thronen verjagt hatte, nicht zuletzt auch des Zaren oldenburgische Verwandtschaft. Alexander hatte dabei seine Sympathie für Preußen wieder entdeckt und den König in Berlin verschiedentlich vor dem gewarnt, was ihm von der Seite des Kaisers noch blühen konnte - mit dem Ziel der endgültigen Zerschlagung Preußens. Und ganz gewiß nicht ohne Grund hatte der Zar Männer in seinen Dienst genommen, die zuvor Friedrich Wilhelm III. gedient hatten - wie der Freiherr vom Stein und der Major von Clausewitz. Nicht zuletzt hatte Napoleon den Rußland seit je feindlich gesinnten Polen Andeutungen gemacht, daß aus dem Großherzogtum Warschau wieder ein mächtiges Königreich Polen werden solle.
Irgendwann mußte man sich also in die Haare geraten. Armand de Caulaincourt, ein Aristokrat aus altem Geschlecht, hatte vergeblich seinen Kaiser vom Friedenswillen des Zaren zu
überzeugen versucht. Acht Tage, bevor Méneval beim Bibliothekar Barbier Literatur über Rußland anforderte, wies Napoleon die deutschen Rheinbundfürsten an, ihre Truppen in Bereitschaft zu setzen. Im März begann der
Abmarsch nach Osten. Das stärkste Kontingent neben den Franzosen bildeten 70 000 Polen, die stärksten deutschen Verbände Bayern mit 30 000 und Westfalen mit 28 000 Mann, aber selbst Reichsstädte wie Frankfurt und
Kleinfürstentümer wie Schwarzburg mußten je 2000 Mann auf die Beine bringen - und Preußen mit 20 000 fast die Hälfte seiner offiziellen Armeestärke.
Anfang Mai war Ostpreußen erreicht, und der Pfarrer Stuber im oberländischen Schmauch notierte damals gewissenhaft, welche Einheiten nacheinander allein durch seine Gemeinde zogen: Das 1., 2. und 3. Jägerregiment zu Pferde, das 7. Jägerregiment zu Fuß, das 21. Linienregiment, das 65. und 85. Linienregiment, das 7. Kürassierregiment und das 14. Holländische Kürassierregiment, schließlich das 20. Train-Bataillon.
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