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Preußen frißt mir auf
Die Pest und ein König
“Preußen ruiniert mich total, das frißt mir auf”, stöhnte Preußens Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. in den dreißiger Jahren des 18. Jahrhunderts. Was ihm so viel Sorge bereitete und die Staatskasse erschöpfte, waren der Wiederaufbau und die Wiederbesiedlung Ostpreußens nach der großen Pest-Epidemie der Jahre 1709 bis 1710, die das Land weitgehend entvölkert und überall ,,wüste Dörfer« zurückgelassen hatte. Mehrfach im Laufe der Jahrhunderte war die Pest über Ostpreußen hinweggezogen. Niemals aber zeigten sich so furchtbare Auswirkungen wie bei ihrem letzten Auftreten im frühen 18. Jahrhundert.
Bereits der aus Allenstein stammende preußische Geschichtsschreiber Lucas David, der im 16. Jahrhundert die historischen Quellen der Ordenszeit auswertete, wußte von großen Epidemien zu berichten, bei denen die alten Preußen in die Wälder flüchteten. und ,,das Ire ganz verließen«. In ganz kurzen Abständen trat die Pest dann um die Wende zum 15. Jahrhundert auf, und zwar in den Jahren 1398, 1405 und 1416. Aus dem Jahre 1529 wird von einer eigenartigen Seuche berichtet, die man den ,,englischen Schweiß« nannte und die wahrscheinlich über See von Hamburg nach Königsberg eingeschleppt wurde. Die Krankheit begann mit dumpfen Kopfschmerzen und Schweißausbrüchen und äußerte sich dann in unwiderstehlicher Schlafsucht.
Der englische Schweiß war jedoch nicht so schlimm wie die Pest, die schon zwei Jahre danach, nämlich 1531, das Land überfiel, allerdings nur für kurze Zeit. Als sie 1537 erneut ausbrach, blieb sie dafür zwei Jahre. Schon 1548/49 kehrte sie wieder und diesmal so bedrohlich, daß der preußische Herzogshof in aller Eile von Königsberg nach Neuhausen und später gar nach Masuren verlegt wurde.
Die medizinischen Erkenntnisse waren noch gering, man sah ein wirksames Mittel im häufigen Reinigen der Bettwäsche und im Auswechseln der Bettfedern. Häuser, in denen Pestkranke
lagen oder gar Menschen gestorben waren, mußten verschlossen und gekennzeichnet werden, um Ansteckung möglichst zu vermeiden. Personen, die die Pest lebend überstanden hatten, sollten noch für längere Zeit ein
,,ordentlich Zeichen” tragen, um andere vor möglicherweise drohender Gefahr zu warnen. Folgt man dem Chronisten Hennenberger, so sind damals in Königsberg an die 16 000 Menschen gestorben.
In den folgenden Jahrzehnten bis zum Ende des Jahrhunderts war die Pest ein ständiger Gast in Ostpreußen, wütete aber meist nur in einzelnen Landesteilen. So verödeten 1564 weite Teile des Amts Schaaken am Kurischen Haff, 1580 zählte man in Königsberg an einem einzigen Tag fast 3000 Pestkranke, an einem anderen Tag 88 Todesopfer. Der Schiffsverkehr zwischen Königsberg und Danzig wurde eingestellt, aus dem Westen kommende Schiffe lagen wochenlang in Pillau in Quarantäne.
Meist war die Pest die Folge von Krieg und Hungersnot, so nach den Mißernten der Jahre 1601 und 1602, in denen sie wiederum viele Opfer forderte und der Herzogshof in Lötzen Zuflucht suchen mußte, das verschont geblieben war. Überhaupt wurde seltsamerweise der südliche Bereich der ehemaligen ,,Großen Wildnis“ von der gefürchteten Seuche wenig betroffen.
Mitte des 17. Jahrhunderts hauste die Pest vor allem im Oberland. Der Schwedenkönig Karl X. Gustav verlegte sein Hauptquartier deshalb nach Frauenburg und schickte seine Frau schleunigst nach Schweden zurück. Diesmal forderte der ,,Schwarze Tod“ im Herzogtum an die 80000 Menschenleben. In Königsberg gab es zu wenig Pflegepersonal und Leichenträger, so daß man arme Angehörige der Leineweberzunft in Dienst nahm, um diese Aufgaben zu verrichten. Sie erhielten dafür einen ungewöhnlich hohen Lohn, nämlich einen Reichstaler monatlich und zusätzlich zwei Mark für jede Leiche, die sie zu den Pestfriedhöfen brachten.
Das alles aber war nur ein Vorspiel zu dem letzten und furchtbarsten Seuchenausbruch von 1709/10, der als die ,,Große Pest« in die Geschichte Ostpreußens eingegangen ist. Sie ist
wahrscheinlich von Polen her eingeschleppt worden, wo möglicherweise Soldaten Karls XII. für ihre Ausbreitung sorgten. Seit 1707 wütete sie bereits in Warschau. Auf preußischer Seite sperrten schon Pestwachen die
polnische Grenze, und einzelne Dörfer in Masuren sicherten sich zusätzlich durch hohe Zäune, die den ganzen Ort umgaben, damit nur ja kein Fremder hinein. gelange. Dennoch ließ sich das Ubergreifen der Pest auf
Ostpreußen nicht verhindern, und wieder bahnten ihr Elend, Hunger und ungenügende hygienische Verhältnisse den Weg.
Der Winter 1708/09 war besonders streng gewesen und hatte lange gedauert. Auf den Feldern war die Wintersaat erfroren, Haffe, Seen und Flüsse begannen erst im späten Frühjahr aufzutauen und gar erst am 15. Mal gelangte das erste von See kommende Schiff nach Königsberg. Im Lande herrschte Hunger, denn die Kornvorräte reichten bei weitem nicht aus. Die genauesten Aufzeichnungen aus jener Zeit besitzen wir aus Königsberg.
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