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93 Städte und 1000 Dörfer
Ein Staat entsteht
Aestier nennen die ältesten Quellen die Bewohner des Landes zwischen Weichsel und Memel, so der römische Historiker Tacitus. Er rühmt um das Jahr 100 nach Christi Geburt ihren Fleiß und ihr Interesse am Sammeln von Bernstein, den man auch in Rom zu schätzen wußte. Sie werden als friedlich und gastfrei geschildert (wie später auch von anderen Autoren), sonst aber sind die Nachrichten über die Aestier sehr spärlich, Auch eine Forschungsreise, die der spanische Jude Ibrahim ib‘n Jacub 965 von Magdeburg aus nach Osten unternahm, brachte wenig neue Erkenntnisse außer der einen, daß die Aestier in Wirklichkeit einen anderen Namen führten: Der Chronist vermerkt, daß sie ,,,,Brus"« genannt werden. Daraus sollte in der Zukunft der Name Prußen oder Preußen entstehen.
Um die Jahrtausendwende dann vernimmt man, daß die Prußen in den Jahren 997 und 1009 zwei Missionare erschlagen haben, die sie zu bekehren versuchten: Adalbert von Prag und Bruno von
Querfurt. Und wieder ein Jahrhundert später schildert Gallus Anonymus, der Verfasser der 1113 abgeschlossenen ältesten polnischen Chronik, die Prußen als ein heidnisches und ,,höchst unbändiges« Volk, mit dem der
Polenherzog manchen Kampf auszutragen hatte. Solche Kämpfe sind es auch, die nach einem weiteren Jahrhundert den polnischen Teilfürsten Konrad von Masowien veranlassen, den Deutschen Ritterorden um seine Hilfe im
Kampf gegen die Prußen zu bitten . Es liegt für den unbefangenen Betrachter ein gewisser Widerspruch darin, daß die älteren Chronisten das Prußenvolk als friedliebend und gastfrei
schildern, die jüngeren hingegen als unbändig und kriegerisch. Dieser Widerspruch läßt sich eigentlich nur damit erklären, daß hier durch Druck Gegendruck erzeugt worden ist. Durch Druck nämlich in der Form
polnischer Expansionsbestrebungen, die sich vor religiösem Hintergrund abspielen — kommt doch gerade zu jener Zeit das große Werk der nordischen Mission in Gang mit dem Ziel, die noch heidnischen Völker im
Ostseeraum für das Christentum zu gewinnen. Interessant ist in dicm Zusammenhang auch die Aufzeichnung Brunos von Querfurt, der erste Preußenmissionar, Adalbert von Prag, sei von einem Prußen erschlagen worden, der
damit seinen im Kampf mit den Polen gefallenen Bruder rächen wollte.
Der Orden folgte dem Ruf Herzog Konrads nicht sofort, wenn auch Kaiser und Papst auf sein Eingreifen drängten. Grund
dieses Zögerns waren die trüben Erfahrungen, die der Orden in Ungarn hatte machen müssen. Dort hatte man ihn nach erfolgreicher Sicherung des Burzenlandes wieder zum Lande hinaus manövriert, da er es versäumt hatte,
sich staatsrechtliche Sicherheiten für seine Arbeit zu verschaffen. Das sollte sich nicht wiederholen.
Herzog Konrad hatte dem Orden für seine Hilfe das Kulmerland versprochen. Hochmeister
Hermann von Salza, einer der fähigsten Staatsmänner seiner Zeit, ließ es sich angelegen sein, sich für sein Vorhaben des Schutzes der beiden Weltmächte jener Zeit zu versichern, des Kaisers und des Papstes. Beiden,
dem Staufer Friedrich II. wie Papst Gregor IX., war er Berater, dem Kaiser auch Vertrauter, in Konfliktsituationen immer wieder Vermittler. Der Hochmeister wollte die in seinem Orden steckende Kraft nicht in
Kleinigkeiten vergeuden. Vor dem Hintergrund des Missonswerkes im Norden schwebte ihm ein größeres Ziel vor, nämlich die Schaffung eines vom Orden geformten neuen Staates.
Den weltlichen
Schutz gewann Hermann von Salza recht schnell durch die Goldene Bulle von Rimini, in der Friedrich II. ihm 1226 den Besitz des Kulmerlandes und aller weiteren Gebiete garantierte, die dem Orden in Erfüllung seiner
Missionsaufgabe zufallen würden. Ihr folgte 1234, als das Werk bereits im Gange war, die Bulle von Rieti in der der Papst die Länder in das Eigentum des Heiligen Petrus übernahm, um sie zugleich dem Deütschen Orden
,,zu ewigem Besitz" zu geben.
Es war an einem Frühlingstag des Jahres 1231, als das Ordens-Aufgebot zum rechten Weichselufer bei Thorn übersetzte. Die Streitmacht war nicht groß,
eigentlich mehr eine Vorausabteilung: Sieben Ritter mit etwa 200 Knappen und Reisigen, dazu eine Anzahl Kreuzfahrer, die dem Ruf einer Im Vorjahr ergangenen päpstlichen Kreuzzugsbulle gefolgt waren. Den Befehl
führte der neu ernannte Landmeister des Ordens in Preußen, Hermann Balk.
Ein rasch aufgeworfenes Erdwerk bildete den Grundstock für Thorn, die erste Burg des Ordens in seinem neuen Land.
Ihr folgte im Jahr darauf Kulm, 1234 Marienwerder und Rheden. Unmittelbar hinter den Kriegern kamen die deutschen Siedler, und so entstanden fast zugleich mit den Burgen auch die ersten Ansiedlungen, die schon im
Jahre 1233 mit der auf dem Magdeburger Stadtrecht basierenden »Kulmischen Handfeste« ihr Grundgesetz erhielten. Sie legte die Rechte und Pflichten der Bürger des Landes fest, gab den Städten die Gerichtsbarkeit und
enthielt auch die vom Orden übernommene Verpflichtung, den Bürger »nach unseren Kräften gegen jeden, der ihm Unrecht tut, zu schützen«.
Von Jahr zu Jahr wuchs die Burgenkette. Sie folgte den Wasserläufen als den natürlichen und besten Verkehrsverbindungen des noch nicht erschlossenen Landes. Zunächst ging es weichsel-abwärts, dann an der Nogat und am Frischen Haff entlang. 1241 war Braunsberg erreicht, im Winter 1254/1255 wurde das Samland niedergeworfen und Königsberg gegründet. Das geschah in einem regelrechten Blitzfeldzug: Der Namenspatron der Stadt, König Ottokar II. von Böhmen, war mit seinem Kreuzfahrerheer am 27. Dezember 1254 in Breslau aufgebrochen. Am 6. Februar 1255 war die Truppe auf dem Rückmarsch bereits wieder in Troppau.
Vom Rande her nach innen vorgetragen, konnte nun die eigentliche Erschließung und Besiedlung des Landes beginnen. Die Geschichte dieser Erschließung wurde in den folgenden Jahrzehnten mit
Blut geschrieben, denn die Prußen, die schon den polnischen Nachbarn gegenüber ihren Freiheitswillen nachdrücklich bekundet hatten, waren auch nicht gewillt, sich dem Orden freiwillig zu unterwerfen. Immer wieder
flammten Aufstände auf, die — manchmal nur mit Mühe — niedergeworfen werden mußten. Dabei kam dem Orden freilich entgegen, daß es kein geschlossenes prußisches Staatswesen gab, sondern nur eine Reihe von Stämmen,
die einzeln operierten. Falsch ist jedoch die gelegentlich erhobene Behauptung, der Orden habe die Prußen bei der Bekämpfung dieser Aufstände ausgerottet. Noch im 16. Jahrhundert ließ Herzog Albrecht den Katechismus
ins Prußische übersetzen, und erst im 17. Jahrhundert starb die Sprache aus Prußen und Deutsche waren zu einem neuen Stamm verschmolzen . Das Jahr 1283 hatte mit der freiwilligen
Unterwerfung des letzten Rebellen, des Sudauerfürsten Skomand, endlich den Frieden gebracht. Nun konnte im Inneren die Aufbauarbeit tatkräftig verstärkt werden. Daneben blieb nach außen für den Orden der
Kampfauftrag bestehen. Er galt jetzt den Litauern — als den letzten Heiden Europas.
Den Staat, der sich nun zu festigen und Formen anzunehmen begann, hat wohl niemand treffender
charakterisiert als Fritz Gause: ,,Das Ordensland Preußen war eine der seltsamsten und großartigsten Schöpfungen, die Menschengeist jemals hervorgebracht hat, kirchlich und weltlich zugleich, ritterlich und
bürgerlich, deutsch und europäisch. Er war seiner Zeit verhaftet und hat Werte geschaffen, die die Jahrhunderte überdauert haben. Er war in vielen Dingen ein Typus und doch mit keinem anderen Staat vergleichbar, ein
Gebilde eigener Art, aber nicht gebildet allein vom menschlichen Verstand, sondern erwachsen aus der Gesinnung, die seinen Gründern aus ihrer Weltanschauung zum selbstverständlichen Gehalt ihres Lebens geworden war.«
Das Land begann aufzublühen. Nicht weniger als 93 Städte und mehr als 1000 Dörfer wurden in der Ordenszeit gegründet. Einige zu Wohlstand gekommene Städte traten bald der Hanse bei, zu
der auch der Orden selbst freundschaftliche Beziehungen unterhielt.
Staatsoberhaupt war der Hochmeister, der 1309 seinen Sitz von Venedig in die Marienburg verlegt hatte. Er war jedoch
kein unumschränkter Herrscher, sondern für seine Handlungen dem Generalkapitel, der Gesamtheit der Bruderschaft, verantwortlich. Seine engsten Berater waren die fünf Großgebietiger, die man gelegentlich als eine Art
Vorläufer moderner Kabinette bezeichnet hat: Der Großkomtur als ständiger Vertreter, der Treßler als Schatzmeister, der Marschall als Heerführer, der Spittler als Leiter des Gesundheitswesens, der Trappier als
Referent für Ausrüstungs- und Beschaffungswesen.
Eingeteilt war das Land in etwa 25 Komtureien, die jeweils von einem Komtur mit seinem zwölf Ordensbrüder umfassenden Konvent geleitet
wurden. Jeder Ritter war mit einer besonderen Verwaltungsaufgabe betraut.
In Städten, Dörfern und Burgen nahm das Leben für einige Jahrzehnte seinen ungestörten Gang. Bald aber zeichneten sich außenpolitische Schwierigkeiten ab, die ihren Ausgangspunkt in Pommerellen hatten. Dort war es nach dem Aussterben des Herzogshauses zu vielschichtigen und recht verworrenen Erb-Auseinandersetzungen gekommen, da sowohl die askanischen Markgrafen von Brandenburg als auch der Polenfürst Wladlslaw Lokietek Anspruch auf das Herzogtum mit der Hauptstadt Danzig erhoben. Wladislaw Lokietek hatte schließlich den Orden zu Hilfe gerufen, der diesem Ruf auch folgte, dann aber geschickt die Stunde nutzte und gegen die Zahlung von 10000 Mark Silber sich die Ansprüche der Askanier abtreten ließ. Stärker als Wladislaw Loldetek, hatte er sich damit in den Besitz des Landes gebracht. Sich selbst hatte der Orden eine Landverbindung zum Reich gesichert, Polen aber die Pläne hinsichtlich eines Zugangs zur Ostsee durchkreuzt.
Der Kaiser bestätigte dem Orden zwar 1313 den Besitz Pommerellens, doch gab Wladislaw Lokietek nicht auf. In Gemeinschaft mit Litauen und Ungarn begann er 1327 den Krieg gegen den
Ordensstaat, der mit Böhmen verbündet war und sich erfolgreich zu behaupten wußte. Nicht zuletzt dank seiner geschickten Diplomatie: Die wohl erste diplomatische Vertretung der Geschichte waren die
»"Prokuratoren",“, die ständige Gesandtschaft des Ordens in Rom.
Territorial hatte der Orden mit der Erwerbung Pommerellens wohl einen Erfolg errungen, aber die Beziehungen zu
Polen waren damit auf lange Zeit belastet. Auch das gehört zu den Schicksalsstunden.
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