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Wie ein Naturereignis
Volksabstimmung 1920
Polens Politiker überfluteten in Paris die Kabinette nach dem Ende des Ersten Weltkriegs mit Denkschriften, Berichten, Plänen, historischen Rekonstruktionen, juristischen Thesen ohne Ende.
Wenn es nach ihnen gegangen wäre, so wäre ,,halb Europa ehemals polnisch gewesen und hätte wieder polnisch werden müssen“. So schrieb nach den Versailler Verhandlungen der ehemalige italienische Außenminister, Graf
Sforza, über die polnische Politik, Und der damalige Unterhändler Dmowski erinnerte sich später an jene Tage so: "Im Westen Europas hatten sich nicht nur Politiker, sondern auch Männer der Wissenschaft,
Geographen, Statistiker so in den Gedanken eingelebt, daß die Küste der Ostsee bis hinter die Mündung des Njemen (der Memel) deutsch sei und nur deutsch sein könne, daß, als ich begann von unseren territorialen
Forderungen zu sprechen, sie sich die Augen neben und mich wie einen Menschen ansahen, der nur halb bei Bewußtsein war. . . «
Forderungen solcher Art hatte Polen schon während des Krieges erhoben, nachdem am 5. November 1916 Deutschland und Osterreich-Ungarn das Königreich Polen neu proklamiert hatten. Am ersten Tag, an dem die Flagge mit dem weißen Adler wieder über Warschau wehen durfte, hatte Kaiser Wilhelm II. ein lahmes Danktelegramm erhalten, in dem zugleich Forderungen auf weite Teile Litauens mit Wilna angemeldet wurden. In den »Leipziger Neuesten Nachrichten“ fand Dr. Kurt Metger dafür die treffende Formulierung von der ,,Überheblichkeit, die an Länderkleptomanie leidet“.
Zu den von Graf Sforza erwähnten Rekonstruktionen, die Polen in Versailles vorbrachte, gehörte zum Beispiel die, daß Polen ,,wegen des Rücktritts der Hohenzollern aus Königsberg ein
Anrecht auf Ostpreußen habe“. Gemeint ist damit das Erlöschen der preußischen Hohenzollernlinie und das Übergehen der Regierungsgewalt in Preußen auf die brandenburgische Linie. Indessen hatte König August II. auf
Erbansprüche in Preußen 1701 ausdrücklich verzichtet und der polnische Reichstag vom 30. September 1773, der die Abtretung Westpreußens billigte, hatte diesen Verzicht wiederholt.
Zu den polnischen Argumenten gehörte auch eine deutsche Statistik. In seltener Einmütigkeit ging die deutsche Presse im Frühjahr 1920 mit dieser Statistik und ihren Ursachen ins
Gericht: Bei der 1911 eingeführten ,,Ostmarkenzulage“, eigentlich für gemischtsprachige Gebiete in Posen und Westpreußen gedacht, hatte zur Debatte gestanden, ob sie auch den ostpreußischen Beamten gewährt werden
solle. Dazu hatte man Unterlagen erarbeitet — aber wie. Eine der schärfsten Kritiken zu diesem Thema kam vom Berliner Lokalanzeiger. Dort vermerkte Rolf Brandt am 25. Mai 1920:
»Sie können stolz sein, diese Ostpreußen, auf ihr ,Kopf hoch‘ und — auf ihre Arbeit im Abstimmungsgebiet. Sie waren erschüttert im Anfang, daß ihnen diese Abstimmung überhaupt
zugemutet wurde; daß eine Statistik, die mit ihrem Zahlenmaterial gar nichts von der wahren Stimmung des Landes gab, zur Grundlage für die unerhörte Forderung der Volksabstimmung gemacht wurde. Es ist gut, von
dieser Statistik offen zu reden. Sie wurde seinerzeit in den Tagen der Ostmarkenzulage gemacht, und jeder Beamte, jeder Lehrer hatte das Interesse, daß möglichst hohe Prozentzahlen für Fremdsprachige herauskamen. So
wurden die Masuren, von denen die ganze jüngere Generation und ein sehr großer Teil der älteren zweisprachig — masurisch und deutsch — ist, einfach als nicht deutsch registriert, obwohl an ihrem deutschen Empfinden
überhaupt nicht zu zweifeln war und ist. Eine gefährliche Torheit, diese Statistik, auf der sich dann die polnische Begehrlichkeit aufbaute.“
In der ,,Täglichen Rundschau“ vom 16. Juni schrieb Adolf Stein: »Die Masuren, die das südliche Ostpreußen bewohnen, wollen beileibe nicht mit den »Pollacken« verwechselt werden. Sie lesen und schreiben nur deutsch. Sie sprechen zwar untereinander — besonders die steinalten — einen slawischen, mit deutschen Lehnworten gespickten Dialekt, aber der wird von den Polen nicht verstanden. Wenn das polnisch ist, könnte man mit demselben Recht sagen: unsere Ostfriesen sprechen englisch. In unserer amtlichen, peinlich allem Nichtdeutschen gerechtwerdenden Statistik hieß es einfach, in Südostpreußen werde polnisch gesprochen. Darauf konnten die Polen in Versailles verweisen und behaupten, in Masuren wohnten 92 Prozent Polen."
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