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Reisebericht über Masuren Mit einem Reisedienst besuche ich die Gegend meiner Eltern und Vorfahren, die Flüchtlinge aus Ostpreussen sind und aus dem südlichen Teil stammen, der Masuren heißt. Die Reise findet zwischen dem 02.09.2000 bis zum 09.09.2000 statt. Ursprünglich sollte der Flug von Hannover nach Ortelsburg gehen, aber die LOT hatte abgesagt. Alternativ steht die Route Düsseldorf – Kopenhagen, Kopenhagen – Warschau und danach ein organisierter Transfer nach Lyck im Angebot; Umständlich, aber ich nehme an. Alles klappt wie am Schnürchen. Auf der Fahrt zwischen Warschau und Lyck bricht ein Unwetter herein, ein solches habe ich noch nie erlebt. Blitze, Donner und Regengüsse lassen den Verkehr erlahmen; teilweise steht das Wasser in den Straßen kniehoch. Nach gut 3,5 Stunden kommen wir in Lyck an. Das Hotel ist informiert, mein Zimmer reserviert, mit dem Abendessen wird noch zugewartet, bis die übrigen 11 Teilnehmer, die mit dem Bus reisen, eingetroffen sind. Die Verpflegung ist an allen Tagen gut. Wird etwas beanstandet, ist der Mangel am nächsten Tage behoben. Gleich am Sonntag unternehmen wir eine Rundreise. Vorbei an dem Wasserturm, der Treffpunkt für alle Deutschen in Lyck ist und von der deutschen Minderheit gepflegt wird, geht es über Arys nach Nikolaiken, wo wir andere Teilnehmer dieser Reisegruppe aus einem sehr gepflegten Hotel aufnehmen. Unsere erste Station ist die Heiligelinde, eine hübsch anzusehende katholische Kirche mit einer Orgel, die 400 Register hat. Ein Orgelkonzert ist vorgesehen, es wird Bach gespielt. Der Klang ist überwältigend, genauso wie die Fresken im Kreuzgang und in der Kirche. Die zweite Station ist Rastenburg, das Führerhauptquartier. Wer Lust hat, riesige Betonklötze, die teilweise zusammenhangslos in einem Waldgebiet `rumliegen, anzuschauen, für denjenigen ist das bestimmt etwas. Besser sind schon die Ausführungen des Reiseführers, der schon einige Bücher -auch in deutsch- über die Wolfsschanze veröffentlicht hat. Ich weiß bisher noch nicht, dass es keine unterirdischen Verbindungswege zwischen den einzelnen Bunkern gegeben hatte, weil der Grundwasserspiegel zu hoch ist. Ich weiß ebenfalls nicht, dass die Wolfsschanze deswegen nicht von den Alliierten angegriffen wurde, weil diese dort Informanten hatten und ein Luftangriff möglicherweise diese Quellen hätte versiegen lassen. Neu ist für mich ebenfalls, dass es die Wehrmacht selbst war, die die Bunker gesprengt hatte . Am Dargainen See vorbei, wo der Bus anhält, um die Möglichkeit zu bieten, die Brücke zwischen Mauersee und Dargainen See zu Fuß zu überqueren, fahren wir weiter über Lötzen nach Rhein und dann zurück nach Nikolaiken. Am Montag unternehme ich meine erste Spurensuche nach meinen Ahnen. Einmal zu Fuß um den Sonnausee, das ist schon was. In Klein - Ramecksfelde steht noch der Hof, von dem meine Oma väterlicherseits stammt. Ein kleiner, giftiger, spitzähnlicher Hund kläfft mich an, der größere, einem Schäferhund gleich, döst weiter vor sich hin. In Ramecksfelde selbst habe ich das gleiche Erlebnis. Was mache ich, wenn der Hund durchdreht, diese Frage bewegt mich und ich bin froh, als alles schadlos vorbei ist. Die Zeit steht hier still. Mir fällt es schwer, an irgendeinem Merkmal festzustellen, dass heute September 2000 ist. Es könnte auch September 1930 sein. Gepflasterte Straßen, überall Natur, kleine Teiche, Landwirtschaft. Am Nachmittag unternehme ich eine Stadtwanderung in Lyck. Mein Reiseführer ist ein Elefant.Tatsächlich, mit einem Male läuft ein Elefant auf der Kaiser-Wilhelm-Straße entlang, ich denke erst, ich seh' nicht recht. Also hinterher, und er führt mich durch die ganze Stadt. Er ist die Werbetrommel eines Wandercirkus, der für Publikum wirbt. Wo er auch auftaucht, die Leute sind amüsiert. Kinder folgen ihm in Scharen, Autos geben ihm Vorfahrt bei der Straßenüberquerung, allseits Belustigung und Erstaunen. Dass nichts passieren kann, ist dem Einsatz des Begleitpersonals zu verdanken. Als ich einmal aus Neugierde am Elefanten vorbeigehe, spricht mich höflich, aber bestimmt, sein russischer Pleger an: Ob ich schon mal daran gedacht habe, was mir passieren könne, wenn der Elefant ausschert? Die Kinderscharen, die dem Elefanten wie ich folgen, gehorchen sofort den Zeichen und Weisungen des Begleitpersonals, so dass keine gefährliche Situation entsteht. Am Dienstag Nachmittag findet die organisierte Bootsfahrt auf dem größeren Teil des Lycker Sees statt. Am Mittwoch Morgen streife ich um den kleineren Teil des Lycksees. Über die Schlossinsel an der Domäne vorbei suche ich den “Birnbaum”, ich finde ihn aber nicht. Nur ein zerfallenes Bauernhaus am westlichen Zipfel. Über die Felder wandere ich zu dem westlichen Lycker Forst. Am Nachmittag durchstreife ich den südlichen Lycker Forst. Gewappnet mit der Karte des Instituts für Angewandte Geodäsie, 1:100000, finde ich beide Waldseen. Eine davon muss der legendäre Tartarensee sein. Auch der Verlauf der Waldwege scheint sich nicht verändert zu haben. Ein toter Biber liegt auf den Schienen der Eisenbahnlinie, die Lyck und Prostken verbindet. Jetzt ist Pilzzeit, das kann ich nicht übersehen. Ich suche den Tartarenweg, der geradewegs zur Schnepfenwiese führt und finde ihn. Sein Merkmal ist, dass er an seinem südlichen Ende schnurgerade verläuft. Wieder treffe ich auf einen dieser giftigen Köter, als ich an einem Waldbauernhaus vorbeikomme. Besser einen Umweg durch den Wald, sage ich mir. Die Schnepfenwiese zu beschreiben fällt mir schwer. Da erscheint ein Foto aussagekräftiger. Über Regeln, Regelndorf, am schönen Regelnsee vorbei gelange ich nach Schönhorst, von wo aus ich mit einem Taxi zu mein Hotel zurückfahre. Am Donnerstag geht es weiter auf Ahnensuche. Diesmal fahre ich mit einem Taxi nach Wiesenfelde im Kreis Treuburg, wo die Cousine pp. meines Vaters wohnten. An die Namen Sebrowski und Lukaschewski erinnert sich hier keiner. Kein Wunder, sind die Bewohner doch selbst erst vor 40 Jahren hierher gekommen. Es bedrückt mich etwas zu sehen, wie ärmlich alles ist. Ein Drittel der ca. 10 Höfe ist verrottet, der Rest macht auch keinen gesunden Eindruck. Ich sehe viele Diestelfelder, es scheint an allem zu fehlen. Ich wende mich ab. Am Freitag lasse ich mich mit einem Taxi nach Brennen fahren, ca. 30 km südwestlich von Lyck. Der Fahrpreis war vorher ausgehandelt worden. Ich bitte den Fahrer, mich nach drei Stunden gegen 13h wieder abzuholen und zahle auch diese Fahrt im Voraus. In Brennen war der Vater meiner Mutter für einige Jahre Bahnhofsvorsteher. Der Bahnhof ist nicht mehr in Betrieb, aber seine Anlagen finde ich noch. Der südlich gelegene Wald ist typisch. Ich treffe u.a. auf junge Birken und später auf außergewöhnlich hohe Kiefern und dann auf eine Aue. Ein reizvoller Bach fließt dort und ein kleiner Junge, der mit einem Bauernehepaar dort ist, spricht mich an. Ich überlasse ihm leihweise mein Fernglas; er ist begeistert. Drei Minuten vor 13h kommt das Taxi, alles klappt. Nun fehlt nur noch der Geburtsort meiner Mutter, Sonnau. |
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